Prozeß Kravchenkos gegen „Lettres Françaises“ / von unserem Pariser Korrespondenten Jean-Charlot Saleck

Der Kravchenko-Prozeß schlägt immer größere Wellen: Die Sowjetunion hat eine Note an die französische Regierung gerichtet, in der sie die Auslieferung von drei Kravchenko-Zeugen als Kriegsverbrecher fordert Das Publikum im Gerichtssaal der Pariser Strafkammer – Journalisten Europas und Amerikas, Anwälte, Politiker und Wirtschaftler – ist auf weitere Sensationen gefaßt Zu persönlicher Verbissenheit und vieldeutiger Pikanterie hat sich nun auch die politische Hintergründigkeit geteilt Der Prozeß hat sich zu einer der merk würdigsten Auseinandersetzungen zwischen den Prinzipien des Ostens und den Anschauungen westlicher Demokratie entwickelt, wobei uns jede Nuance für sein Verständnis wichtig erscheint. Darum setzen wir unseren ausführlichen Bericht heute mit der Vernehmung von Zeugen der „Lettres Françaises“ fort, die Kravchenko als unzuverlässigen, eitlen Frauenliebling hinstellten.

Durch die Gänge des Justizpalastes eilt das Gerücht, die Verteidigung der Lettres Francaises sei in der unerklärlichen Lage, den Behörden nicht sagen zu können, in welcher Reihenfolge die sowjetischen Zeugen gegen Kravchenko erscheinen werden, ja es heißt sogar, Maître Nordmann wisse nicht einmal genau, auf welche Zeugen er überhaupt rechnen könne.

Von wem nur mag das abhängen? Die geschiedene Frau Kravchenko Nummer Eins, bestimmt in Paris eingetroffen, ist trotz der Ankündigung jedenfalls noch immer nicht als Zeugin aufgetreten.

Dafür bieten die Lettres Françaises uns heute einen jung, frisch und sympathisch aussehenden amerikanischen Staatsbürger. Herrn Albert Kahn, den Mitverfasser eines nicht unbekannten Buches mit dem Titel „Die große Verschwörung gegen Rußland“. Nach allein, was man im Laufe seiner Aussagen hören sollte, hat man in dem smarten, selbstsicheren Autoren jemanden zu sehen der die 48 vereinigten Staaten von Nordamerika vor großen Gefahren bewahrt hat. Mit nichts als seiner Feder!

Zum Auftakt stellt Maître Nordmann uns ihn aber vor, und zwar als den „größten amerikanischen Fachmann für Nazispionage und die Umtriebe der fünften Kolonne“, ohne uns zu verdeutlichen, um welche fünfte Kolonne es sich in diesem Falle handelt. Wir haben während dieser Verhandlungen von so vielen Geheimdiensten, Geheimpässen und sogar Geheimautoren gehört, daß man sich nicht wundern würde, wenn wir bei den Verhandlungen der nächsten Woche auch die Existenz geheimer Staaten oder geheim bewohnter Gestirne erfahren, die auf keiner Karte verzeichnet sind und die uns plötzlich als Weltgefahren enthüllt werden, von denen wir Gewöhnlichen und Ungetarnten in unserer Harmlosigkeit seit Jahrhunderten keine Ahnung hatten.