Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W., Berlin, Anfang März

Pajok“: das ist das dubiose Geschenk der Sowjetzone. Bis vor kurzem wurde es nicht, offiziell gewährt, sondern gewissermaßen verschämt von den Schenkenden gereicht und von den Beschenkten entgegengenommen. Schauspieler, Professoren, Ingenieure, „Spezialisten“ bekamen einen Pajok – je nach Rang und Würde im ostzonalen System der Klassenlosigkeit. Der „Pajok“, der Lebensmittel enthielt, war das Zuckerbrot, das den notwendigen Nützlichen und den politischen Aktivisten über den grauen Elendsstandard erhob. Nun ist er zum offiziellen Bestandteil der „Sozialordnung“ der Sowjetzone geworden. Ein Befehl des Marschalls Sokolowski – in dieser Zone steht immer ein Befehl an allem Anfang – hat den „Pajok“ für die Intelligenzberufe zum amtlichen Zuteilungsfaktor gemacht; dergestalt, daß monatliche Lebensmittelpakete an die verschieden gestuften Gruppen ausgehändigt werden. Natürlich sind Inhalt und Kalorien dieser Pakete wieder nach „Verdienst“ gepackt. Die höchste Kalorienstufe mit 10 kg Kartoffeln, 3 kg Fleisch und 1 kg Zucker ist den „besonders verdienten“ Intellektuellen vorbehalten. Die nächste Stufe ist „verdient“ und erhält etwa die Hälfte dieser Zuteilungen, und die dritte Stufe ist lediglich „namhaft“ und wird sich mit einem kleineren Prozentsatz der obersten Pajok-Gruppe begnügen müssen.

Diese neue Entdeckung der „Intelligenz“ über den Umweg des Lebensmittelpaketes hat Ihre unmittelbare Ursache in der massenweisen Abwanderung gerade dieser Schichten. Die Bilanz der Ostzonenflucht spricht hier eine eindeutige Sprache. Der Pajok verschärft das System der Stufenernährung, das die Menschen nur dann an das Existenzminimum heranläßt, wenn sie den politischen Zugang zur Speisekammer wählen. Denn die neuen Pajoks erreichen genau die gleiche Gruppe der Bevölkerung, die schon vorher durch die Lebensmittelkarte I oder II, die allein eine bescheidene Möglichkeit der Existenz schaffen, ausgezeichnet war. Eine gleichmäßige Versorgung der Gesamtbevölkerung, die ein selbstverständliches demokratisches Prinzip ist, widerspricht den ausbeuterischen Stachanow-Methoden des sowjetischen Regimes.

Daß die Stufeneinteilung in fünf Kategorien nicht eine bloße Noterscheinung der ersten Nachkriegsjahre war, wird besonders deutlich durch die Einführung der Textil-Punktkarte in der Sowjetzone. Die „Wirtschaftskommission“ hat die Punktzuteilungen entsprechend den Lebensmittelkarten gestaffelt, also auch hier den Grundsatz des gleichen Anspruchs auf die primitivsten Lebensrechte von vornherein ausgeschaltet. Wieder sind die „Nützlichen“ und die „Aktiven“ die Bevorzugten. Es versteht sich von selbst, daß die wenigen besseren Qualitäten, die auf diese Punktkarten angeboten werden, nur die Konsumläden oder die gewerkschaftlich oder kommunistisch gelenkten Verkaufsstellen erreichen. Den verbliebenen Privatkaufhäusern werden nur wenige und minderwertige Stücke zur Verfügung gestellt.

Der Lebensstandard hat in der Sowjetzone ein unvorstellbar niedriges Niveau erreicht. Die allgemeine Proletarisierung wird nun durch das System von Pajoks und gestuften Punkten weitergetrieben, denn diese Zuwendungen nach politischer Gunst bedeuten nirgendwo die Bildung sozialer Organismen. Sie schaffen korrupte Abhängigkeiten. Das markenfreie Mittagessen des aktiven FDGB-Funktionärs, das Lebensmittelpaket des „progressiven“ Wissenschaftlers und die umfangreichere Punktkarte des aktivistischen Werkdichters sind die sozialen Ausweise eines Systems, das die breite Masse zu Hunger und Not verurteilt.