Herr Kahn hebt an: „Dreitausendfünfhundert Meilen habe ich zurückgelegt (man besinnt sich bei stockendem Atem noch rechtzeitig, daß er es nicht zu Fuß tat), um Zeugnis abzulegen in diesem Prozeß, dessen Bedeutung mehr als eine juristische ist. Aber ich möchte in aller Freiheit sprechen.“

Aber? Warum „aber“? Der Präsident Dürkheim hat dieses „aber“ gar nicht gern gehört und bemerkt ebenso trocken wie taktvoll: „Ein Zeuge ist vor einem französischen Gericht immer frei.“

Herr Kahn, der ein dickes Fell mitgebracht haben muß, scheint nicht einmal zu merken, Was für eine Ungeheuerlichkeit er ausgesprochen hat, und denkt nicht daran, sich bei dem Präsidenten zu entschuldigen, der ihn, statt eine Szene zu machen, lediglich daran erinnert hat, wo er sich befindet.

Unbekümmert und voll missionarer Selbstsicherheit erklärt der Zeüge, seit zehn Jahren habe er sich in der Aufdeckung und Entlarvung von Naziagenten spezialisiert, ohne uns freilich zu verraten, ob er dies rein für sich, sozusagen als Liebhaberdetektiv, treibt oder für irgendeinen – in Gottes Namen noch einmal einen – geheimen Dienst. Im Grunde wünscht aber niemand es zu erfahren. Unser Gehirn weigert sich, den Namen auch nur noch eines einzigen Geheimdienstes aufzunehmen.

Dagegen sagt der Zeuge uns, daß er unter anderem auch Generalsekretär des amerikanischen Komitees gegen Nazipropaganda ist. Als er unter dem Namen der Mitglieder des Komitees nach dem Einsteins den von Dorothy Thomson nennt, wirft Kravchenkos Anwalt dazwischen: „Dorothy Thomson hält das Buch meines Klienten für sehr achtbar und hat ihm wärmstens zugestimmt. Was Herr Kahn einräumt. Doch fügt er etwas recht häßlich Gemeintes über die unglückliche Journalistin hinzu. Diese sei nämlich unter den Einfluß des deutschen Pressevertreters Paul Scheffer geraten, der „während des Krieges ein Agent von Goebbels gewesen ist“. Und von der in so tiefe Hörigkeit Gefallenen behauptet er noch weiter, sie richte augenblicklich ihre Haupttätigkeit gegen die „Fortschrittsparteien“ und sie sei für die Wiedererweckung des deutschen „Imperialismus“. Sie habe Milde und „Zartheit“ für die Nürnberger Angeklagten verlangt. (Behüte uns der Himmel nun vor einem neuen Verleumdungsprozeß, diesmal zwischen Scheffer und Kahn und Dorothy Thomson und Kahn! Möge ein solcher Prozeß wenigstens vor amerikanischen Gerichten ausgetragen werden und nicht in Paris.)

Präsident Dürkheim, bisher ganz Takt und Zurückhaltung, ist plötzlich so indiskret, den Zeugen Kahn zu fragen, ob er seinen amerikanischen Kollegen Sim Thomas kenne.

Unter dem schallenden Gelächter des Saales erklärt Kahn, er habe diesen Namen am Abend zuvor erstmals gehört und dabei auch erfahren, daß der inkriminierte Artikel „Sim Thomas“ gezeichnet war.