DasSchiff, auf dem die hundertundfünfzigjungen deutschen Mädchen nach England fuhren, war gewiß nicht das komfortabelste, das die Linie Hoek van Holland–Harwich befährt, ein alter Truppentransporter, der in nichts seine ehemalige Bestimmung verleugnete. Für die anderen Passagiere bedeutete dieses Schiff ohne jeden Komfort lediglich eine unbequeme Nacht, die man frierend auf einem nackten Bettgestell, eine Schwimmweste als Kissen unter dem Kopf, verbrachte – für die hundertundfünfzig Mädchen aber, die sich für zwei Jahre, nach England verpflichtet hatten, entpuppte sich dieser ungastliche Truppentransporter, als eine große Ernüchterung. Es war schlimm, daß der erste Schritt ins neue Leben mit Frieren und einem revoltierenden Magen begann, wo man sich gerade von der Seereise soviel versprochen hatte;

„Wenn ich das gewußt hätte...“,sagte eine große Blonde mit sichtlicher Reue, noch ehe das Schiff vom Festland abgestoßen hatte. Was gemußt hätte? Das war ihr wohl selber nicht ganz dar, denn einen Luxusdampfer hatte ihr niemand versprochen. Im Gegenteil, man hatte diesen Mädchen immer und immer wieder gesagt, daß sie in England erstens, zweitens und drittens, harte Arbeit erwartete, Hausarbeit in Krankenhäusern und bei Privatfamilien, also ein Dienst, für den sich wahrscheinlich die meisten von ihnen in Deutschland bedanken würden. Sie hatten sich aber in Scharen gemeldet, obwohl viele von ihnen gut bezahlte Stellen als Sekretärinnen, Schneiderinnen, Arbeiterinnen, Dolmetscherinnen, Verkäuferinnen hatten. „Wir haben eine ganze Menge Abiturientinnen dabei, und eine ist sogar fertig ausgebildete Modezeichnerin“,erzählte eins der Mädchen, das in der Nacht allein an Deck auf und ab ging und in der Unterhaltung schließlich durchblicken ließ, daß es selbst nach England ginge, weil es in Deutschland nicht mehr schichte. könne – eine verunglückte Liebesgehahre Das Mädchen war noch nicht zwanzig Jahre alt und sehr besorgt darum, wie ihr Vater die Sache aufnehmen würde, der von der Auswanderung seiner Tochter noch nichts ahnte.

Nach dem ersten Schreck über den Dampfer faßte sich die Mehrzahl der Mädchen recht schnell vieder, richtete sich häuslich ein, knabberte die Schokolade, die man in Hoek „gefaßt“ hatte, schlief oder kicherte, lachte, quietschte und alberte herum, kurzum, veranstaltete jene Art von Lärm, wie ihn nur eine große Anzahl von weiblichen Wesen verursachen kann. Ein merkwürdiger Gegensatz dazu –: die baltischen Auswanderer, die ebenfalls das Schiff bevölkerten. Ob alt oder jung hockten sie still neben ihren Sachen.

Es gibt gewisse Situationen, in denen die Neigung besteht, völlig Fremden alles Mögliche anzuvertrauen. In der kalten unfreundlichen Nacht an dem alten Truppentransporter befanden sich viele der Mädchen in dieser Situation und erzählten bereitwillig ihre ganze Lebensgeschichte und alle die Wünsche und Hoffnungen, die sie mit England verbanden. Da waren kleinbürgerlichfriedliche Schicksale neben solchen, die früher grausam erschienen wären und heute alltäglich geworden sind. Auch die Gründe zum Auswandern sind ganz verschieden:Abenteuerlust, Ehrgeiz, häusliche Streitigkeiten, Heimat- und Berufelosigkeit, katastrophale Wohnverhältnisse, Liebesgeschichten, der Wunsch nach besseren Lebensmöglichkeiten und vielfach auch lediglich die Sehnsucht, aus Deutschland herauszukommen. Eins der Mädchen, eine energische kleine Person von achtzehn Jahren, hatte den zweijährigen Arbeitskontrakt unterschrieben, um Edward zu besuchen. Edward hatte seit drei Monaten nicht geschrieben. Auf die Frage, ob er von ihrem Kommen wisse, antwortete sie: „Nein,ich will ihn überraschen .. Man kann nur hoffen, daß dieseÜberraschung nicht zu einer kleinen Tragödie wird.

Englische Männer spielen überhaupt eine Rolle, wenigstens behauptete das eine von der andern, wenn auch die meisten diesen Beweggrund für sich selbst weit zurückweisen. Nur eine gab offen zu: „Erstmal werde ich eben im Krankenhaus oder im Haushalt arbeiten müssen. Aber ich finde bestimmt bald einen netten Mann und dann heirate ich ..

„Erstmal...“,das Wort war in dieser Nacht immer und immer wieder zu hören. „Erstmal – natürlich, aber dann werde ich schon weiterkommen...“, sagten viele und vor allem solche, die früher „was Besseres“ gewesen waren. Manche hatten Empfehlungen an Bekannte in der Tasche, die meisten aber hatten nichts als einen ungeheuren Optimismus und eine völlige Unkenntnis der Bestimmungen in England, nach denen man ihnen die Aufenthaltserlaubnis nur für die Arbeiten, zu denen sie angeheuert sind, eingeräumt hat.

Obwohl in England alle sozial gleichgestellt sein werden, hatten sich auf dem Schiff schon – meist nach der sozialen Stellung in Deutschland – verschiedene Gruppen zusammengefunden. Die einen waren von den anderen schockiert, und die andern fanden die einen hochmütig. Man hatte Freundinnen gefunden, mit denen man unbedingt zusammenbleiben wollte, wenn man sich auch erst im Zuge kennengelernt hatte. Einige schlossen auch Freundschaft mit den gleichfalls nach England reisenden deutschen Studenten, ließen sich von ihnen ein bißchen an Deck küssen, – tröstend natürlich nur –, denn trotz aller Vorfreude und Erwartung war man jetzt zur Traurigkeit sehr geneigt. Andere wieder flirteten bereits zielbewußt mit dem Schiffspersonal. Und wieder andere nahmen Zuflucht zur Sentimentalität. Sie saßen in einer Ecke und sangen ganz langgezogen „Lili-Marlen“. Als einer von den englischen Matrosen mitsang, hob sich die Stimmung sichtlich. „Wenigstens können die Engländer ‚Lili Marlen‘ singen...“, meinte eine Sudetendeutsche erleichtert. Sie sprach kein Wort englisch und fürchtete sich jetzt vor ihrer eigenen Courage.