Das erste Hochwasser des Konkurrenzschrecks in der britischen Exportwirtschaft beginnt sich zu verlaufen. Handelsminister Wilson und Außenminister Bevin haben der Öffentlichkeit verhältnismäßig leicht klarmachen können, daß der Umfang der deutschen Konkurrenz bisher sehr gering ist, daß keine Beweise für „unfaire“ Konkurrenz gegeben sind und daß deutscher Wettbewerb als solcher eine normale Erscheinung ist. Sie haben keinen Zweifel gelassen, daß es besser sei, wenn sich die britischen Exporteure und Industrien mit dem Wiedererscheinen der deutschen Waren auf der Bühne des Welthandels recht früh vertraut machen.

Der Ruf „Hilfe, wir ertrinken“, den manche britische Industrien ausgestoßen haben, konnte um so weniger überzeugen, als die britischen Ausfuhren letzthin einen sehr befriedigenden Verlauf genommen haben. Im Januar erreichten die Exporte einen neuen Höchststand bei 159 Mill. £. Der Menge nach war dies 160 v. H. der 1938 exportierten Güter – und das übertrifft das gesteckte Ziel für die nächsten Jahre von 150 v. H., ein Ziel, von dem aus man 1952 glaubt, das Gleichgewicht der Zahlungsbilanz ohne weitere Marshall-Hilfe herstellen zu können.

Zwei „Vorwürfe“ an die deutsche Adresse haben bei uns besonders großes Erstaunen hervorgerufen: die Behauptung, daß unsere geforderten Exportpreise „zu niedrig“ seien und die Anklage, daß dies die Folge „zu niedriger Löhne“ sei. Was die Behauptung zu niedriger deutscher Preise betrifft, so liegt die Antwort nahe, diese Preise seien, ja schließlich bis vor kurzem von der JEIA kontrolliert und gebilligt worden. Aber darüber hinaus muß festgestellt werden, daß noch immer viel zuwenig direkter persönlicher Kontakt zwischen den deutschen Exporteuren und ihren ausländischen Kunden und zuwenig Unterrichtung über die Lage auf den internationalen Märkten besteht. Mancher deutsche Exportinteressent hat sich durch die ausländischen Klagen über rückständig gewordene deutsche Produktionsmethoden offenbar einschüchtern lassen, und sich zudem der falschen Auffassung hingegeben, daß nur bei uns in Deutschland die Produktionskosten gegenüber der Vorkriegszeit beträchtlich gestiegen seien. Neben den höheren Materialkosten, die international ziemlich gleichmäßig wirken, haben sich aber auch in anderen Ländern die Steuern, die sozialen Lasten und die Löhne vermehrt, während die Arbeitswoche in vielen; europäischen Ländern und in den USA kürzer geworden ist.

Wieweit diese Faktoren auch in Zukunft wirksam bleiben werden, darüber werden wir Ende dieses Jahres sehr viel klarer sehen. Denn viele Anzeichen sprechen, dafür, daß 1949 das erste „normale“ Nachkriegsjahr in Angebot und Nachfrage sein wird – wobei man schon jetzt getrost prophezeien kann, daß dies nicht gleichbedeutend sein wird mit einer Krise. Eher könnte man von einer „normalen Vollbeschäftigung“ sprechen nach Jahren aufgestauter, dringender Nachfrage für ein noch nicht wieder normales Angebot. Innerhalb dieser Vollbeschäftigung wird der Wettbewerb der Preise und der Wettbewerb der Qualität wieder eine größere Rolle spielen. Manche übertriebene Kostenverteuerung im Ausland wird dabei sicherlich zum Verschwind den gebracht werden.

Und nun zu dem „Vorwurf“ der angeblich zu niedrigen deutschen Löhne Daß die Löhne bei uns zu niedrig sind, sowohl gemessen an unseren Lebenshaltungskosten als auch im Vergleich mit entsprechenden Leinen im Auslande, das wissen wir. Der Lohn des deutschen Arbeiters reicht gerade für die Befriedigung der laufenden Haushaltsausgaben, mit einer sehr; sehr kleinen Spanne für Anschaffungen. Das Tempo der Anschaffungen ist heute bei uns zum Teil wieder durch den Geldbeutel bestimmt und nicht nur, wie bis zur Währungsreform, durch die Knappheit an Gütern, Doch gerade das ist nicht etwa ein Beweis, daß die Löhne „zu niedrig“ sind und einen „unfairen“ Konkurrenzfaktor darstellen. Im Gegenteil, unsere niedrigen Löhne sind das untrügliche Thermometer unserer Armut. Diese unsere Armut besteht ja nicht nur in leeren Wäscheschränken, nicht nur in unserer schlechten Versorgung mit Wohnraum, Kleidung, Möbeln, ganz zu-schwelgen von der Ärmlichkeit unseres „Luxus“. Unsere Armut ist auch am schlechten Zustand unserer Maschinen; und am improvisierten Charakter vieler unserer Werkzeuge abzulesen, Produktionsmittel, mit denen wir in Westde utschland sehr viel mehr Menschen als vor dem Kriege zu ernähren haben.

In einer britischen Untersuchung über Löhne in England und Deutschland kömmt klar zum Ausdruck, daß unsere Löhne zwar niedrig, jedoch nicht zu niedrig sind: Die Mindest-Stundenlöhne in sechs wichtigen Zweigen liegen in Westdeutschland (zum 30-Cent-Kurs umgerechnet) um 20 bis 25 v. H. niedriger als in England. Aber in der Untersuchung der Financial Times“ wird hinzugefügt, daß die Leistung je Arbeitsstunde bei uns nur bei 80 v. H. der Vorkriegsleistung liegt. Die Erklärung findet sich nicht nur im höheren Durchschnittsalter und in der geringeren physischen Kraft des deutschen Arbeiters, sondern eben auch in der geringeren Leistungsfähigkeit der Maschinen und Werkzeuge, die ihm zur Verfügung stehen. Allgemein gesprochen werden wir uns daher höhere Löhne nur in dem Umfange leisten können, in dem unsere Leistung je Arbeitsstunde sich erhöht.

Es ist nur gut, daß man in England diese Zwangsläufigkeit in der deutschen Lohnsituation zugibt und auf die Behauptung „zu“ niedriger Löhne verzichtet. In Einzelfällen jedoch wird es immer von neuem notwendig sein, diese Abhängigkeit der deutschen Erholung von der Leistungssteigerung klarzustellen. Ebenso scheint es dringend erforderlich, unsere Abhängigkeit von der größtmöglichen Erweiterung der deutschen Produktion immer wieder zu betonen. Die Annahme von ausländischen Aufträgen für die unbeschäftigten Werften ist ein solcher Fall. Norwegische Reeder, die auf eigenen und ausländischen Werften mit langen Baufristen rechnen müssen, führten unverbindliche Vorbesprechungen mit den Howaldtswerken in Kiel, um auf dieser Werft sieben Motorschiffe von je 3000 Tonnen dw bauen zu lassen. Die kurze Lieferfrist von 12 Monaten und der Preis von angeblich 3.5 Mill. Kronen je Schiff haben sofort in England zu dem Ruf nach einer „Untersuchung“ wegen unfairer deutscher Konkurrenz geführt, da der „Weltmarktpreis“ für derartige Schiffe – den wegen ihrer vorherrschenden Stellung im Schiffbau die britischen Werften weitgehend bestimmen – um 45 bis 70 v. H. höher liegen soll. Wahrscheinlich sind aber die britischen Kritiker einem Irrtum zum Opfer gefallen, sie dürften Raumtonnen mit Ladetonnen verwechselt haben.

Es soll hier nicht untersucht werden, inwieweit dieser „Weltmarktpreis“ in Wirklichkeit ein Monopolpreis ist. Es sei nur darauf hingewiesen, daß im Jahresbericht der Britischen Schiffahrtskammer für 1948 darüber Klage geführt wird, daß Baukosten das Zwei- bis Dreifache der Vorkriegskosten betragen und die Bauzeiten, mindestens doppelt so lang sind wie vor zehn Jahren, Unter diesen Umständen, so heißt es weiter in dem Bericht, sei es keineswegs wahrscheinlich, daß die Reeder in der Lage sein würden, Aufträge für andere als Spezialschiffe zu vergeben, Daraus wird deutlich, daß die Überbeanspruchung der britischen Werftindustrie zu einer Verteuerung der Neubauten geführt hat, die für die internationale Schiffahrt nicht tragbar ist. Aufträge für die deutschen Werften sind also offensichtlich zusätzlicher Natur und würden zu den heute in Großbritannien geltenden Preisen nicht erteilt werden. Das werden sicherlich die alliierten Instanzen bei der Entscheidung über diesen für das notleidende Kiel so wichtigen norwegischen Auftrag berücksichtigen. E. G.