Wenn jemand der Meinung war, mit dem Mindszenty-Prozeß habe man die Grenze der Herausforderung erreicht, so hat er sich zweifellos geirrt. In Sofia will Dimitroff, dem erst kürzlich im Kreml bestätigt wurde, er habe die beste Volksrepublik errichtet, nicht zurückbleiben. In dem Bestreben, seinem Herrn noch mehr zu gefallen, hat er einen neuen Prozeß befohlen. Angeklagt sind 15 protestantische Pastoren, denen Spionage. Hochverrat und Devisenschiebungen vorgeworfen werden.

Die meisten der Angeklagten, die mit ihren Frauen und Kindern mehrere Monate durch Gefängnisse, Konzentrations- und Arbeitslager geschleppt wurden, geben nun völlig gebrochen die üblichen Geständnisse ab. Sie bereuen, der Volksrepublik Unrecht getan zu haben, denn niemals hätte es in der Geschichte Bulgariens soviel religiöse Freiheit gegeben wie jetzt. Bezeichnend waren allerdings die Aussagen des Pastors Iwanoff. Er begann vor dem Tribunal: „Glauben Sie nicht einem Menschen, der bedrängt ist, weil er dann lagen muß. Nun möchte ich mein Geständnis ablegen. Auch Pastor Naumoff bezeichnete die Sicherheitspolizei als „die beste Schule für politische Umschulung.“

Die Verfolgung der protestantischen Kirche in Bulgarien, die nur etwa 000 Gläubige zählt, ist ein Teil des Planes der Kommunisten, die Religion in diesem Lande überhaupt zu vernichten. Dimitroff widmet, neben der Verfolgung der Protestanten und Katholiken, sein Hauptinteresse der orthodoxen Kirche, weil in ihr gerade jetzt das – bulgarische Volk seine Hauptstütze sieht. Der Metropolit Boris von Nevrokop wurde auf der Straße von einem Kommunisten erschossen, und zahlreiche Geistliche füllen ständig die Gefängnisse und die Konzentrationslager. Und wenn trotz alledem so gut wie nichts oder Unrichtiges darüber berichtet wird so deswegen, weil die orthodoxe Kirche kaum Beziehungen mit dem Westen hat. Man hat jetzt in Sofia ein Gesetz erlassen, nach dem alle Kirchen und Sekten, die mit dem Auslande Beziehungen unterhalten oder dort ihre Zentralen haben, aufgelöst werden müssen. Die protestantischen und katholischen Kirchen werden also euren ein Gesetz verboten. Mit den Orthodoxen, für die sich keiner im Ausland einsetzt, hoffen die Kommunisten auch so fertig zu werden.

In Sofia wie in Budapest wurden in die Kirchenprozesse mehrere diplomatische Vertreter der Westmächte verwickelt. Washington hat eine schwere Beleidigung durch die Ausweisung des Budapester Botschafters Chapin eingesteckt. Jetzt wurden in Sofia britische und amerikanische Protestnoten glatt zurückgewiesen. Vielleicht ist der Zeitpunkt nicht mehr fern, in dem man sich in Washington und London entschließt, die bisherige „Realpolitik“ aufzugeben und die Diplomaten aller Stalinschen Satelliten nach Hause zu schicken, bevor ihnen auch mit dieser Maßnahme der Osten zuvorkommt. B–w