Das Herz der Stadt Kiel bildeten bis zum Tage der Kapitulation die Werften auf dem Ostufer der Förde. Kräne, Helligen, Docks und Werkstätten gaben der Stadt das Gepräge. Heute liegt das 180 000 qm große Gelände, das die Friedrich Krupp Germaniawerft AG. i. L., die Deutschen Werke AG. und das ehemalige Marine-Arsenal beherbergte, still. Im Jahre 1939 wirkten hier 32 000 Menschen. Jetzt sind es 1400 Männer, die auf dem Gelände – schaffen. Die meisten von ihnen zerlegen Schiffswracks, U-Boote, sonstiges Kriegsgerät und Munition. Sie „fabrizieren“ Schrott für die englischen Hochöfen...

Seit drei Jahren bemühen sich die maßgebenden Männer der Stadt Kiel um eine Freigabe des Ostufers für den Aufbau einer Friedensindustrie. Immer wieder klang ihnen ein „Nein“ entgegen. Betriebe, die einige Gebäude als Lager benutzt hatten, mußten vor einem Jahr das Gelände räumen. Im Februar empfing nun der Gouverneur von Schleswig-Holstein Vertreter der schleswig-holsteinischen Landesregierung, der Stadt Kiel und der Gewerkschaften zu einer Besprechung über das Schicksal des Ostufers der Kieler Förde. Er erklärte: „Eine Freigabe für Schiffbau und Schwerindustrie ist ausgeschlossen!“

Einen Lichblick aber bedeutete es, daß der schleswig-holsteinische Minister für Arbeit, Wirtschaft und Verkehr ermächtigt wurde, Vorschläge für den Aufbau von Friedensbetrieben auf dem ehemaligen Werftgelände auszuarbeiten.

Am 4. März werden die Sprengungen auf dem Ostufer des Kieler Hafens beginnen. Zunächst wird man die Marine- und U-Boot-Reparaturwerkstätten vernichten. Gebäude, um deren Erhaltung die Landesregierung noch bemüht ist, sind von den Maßnahmen nicht betroffen. Von den ehemaligen drei Kieler Werften darf heute nur noch die kleinste arbeiten: die Howaldtswerke AG. Und da Kiel, die Viertelmillionenstadt, im Mai 1945 fast 50 000 Arbeitsplätze verloren hat, dürfte das Schicksal des weiteren Aufbaus dieser Stadt sehr von dem Erfolg der Bestrebungen abhängen, die jetzt zur Schaffung einer Friedensindustrie auf dem einstigen Werftgelände unternommen werden. S–r.