Von Hans E. Hölscher

Der in Geiselgasteig von Karl-Heinz Stroux gedrehte Werther-Film soll am 23. März in Frankfurt a. M. zur Uraufführung kommen und am 28. August im Rahmen einer Goethe-Feier in Wien, voraussichtlich auch in anderen Ländern: Frankreich, England, USA gezeigt werden. Der deutschen Filmproduktion scheint hier zum ersten Male seit vielen Jahren endlich die vollgültige Leistung gelungen zu sein, auf die man so lange vergeblich gewartet bat. Es ist auch anzunehmen, daß nicht nur der Name Goethes, der mit diesem Film in ebenso ungewöhnlicher wie würdiger Weise aktualisiert wird, das lebhafte Interesse des Auslandes geweckt hat, sondern die künstlerische Qualität des Filmwerks, die es vor allem der aufopferungsvollen Arbeit des Regisseurs verdankt.

Noch immer zwingt Strombeschränkung die Ateliers von Geiselgasteig zur Nachtarbeit. Sobald am Abend die letzte Sperrfrist abgelaufen ist, beginnt im Gelände der Bavaria die Autoanfahrt der Stars, die Straßenbahnen bringen das Heer der Statisten heran, die Scheinwerfer Salmen auf, die Kameraleute machen sich zum Schuß bereit, und nicht: Augen zu! wie für das übrige München, sondern: Klappe auf! heißt das Kommando, mit dem die fleißige Zunft der Filmleute die Nacht empfängt.

Auch Karl-Heinz Stroux, den Regisseur des einzigen Goethe-Films, den Deutschland im zweihundertsten Gedenkjahr der Goethe-Geburt den filmischen Huldigungen der Franzosen, Engländer und Amerikaner für Goethe hinzufügt, finde ich in später Nachtstunde noch über den surrenden Schneidetisch gebeugt. Er versucht, gemeinsam mit seinem Schnittmeister, die starke Dynamik seiner Regiearbeit bis in den Rhythmus des Schnittes hinein noch bestimmend zur Geltung zu bringen. Strauß, ein Rheinländer flämischen Blutes, den man nach seinem Aussehen einen blonden und blauäugigen Bruder Jean-Paul Sartres nennen könnte, kommt vom Theater her. Er ist ein elementar-mimischer Regisseur und in keiner Hinsicht den Techniker-Regisseuren des Films vergleichbar, die eines Tages hinter der Kamera hervorgekommen sind und diese Herkunft nie mehr vergessen machen können. Noch nicht vierzig Jahre alt, hat Stroux dennoch schon eine fast zwanzigjährige Bühnenlaufbahn hinter sich. Er war vom ersten Tage an ein Schüler Piscators, des wohl besessensten aller deutschen Regisseure, dem das Theater mehr als nur Spiel und Zeitvertreib, dem es Verpflichtung, Dienst und Glaube war. Und diese Herkunft aus dem Geist der Unbedingtheit, des Dienstes am Von und zielwissender Deutung der Zeit ist noch heute das Merkmal seiner Regiearbeit. Seine Inszenierungen am Burgtheater und vor allem am Preußischen Staatstheater in Berlin, wohin Gustaf Gründgens ihn verpflichtete und wo er im Banne der ausbildenden Kraft Traugott Müllers sich selber fand and behaupten lernte, hatten ihn überaus jung schon in die erste Reihe der großen deutschen Regisseure gestellt. Diesen Ruf wahrte und festigte er gleich nach dem Kriege wieder in seinen aufsehenerregenden Wilder- und O’Neili-Inszenierungen in Frankfurt und Wiesbaden.

Dieser Herkunft nun und der Tatsache seiner Vertragslösung am Staatstheater in Wiesbaden gilt meine erste Frage an Karl-Heinz Stroux. Denn es scheint mir undenkbar, daß er, ein Regisseur der Bühne, ein Schauspielführer reinsten Geblütes, um des Filmes willen das Theater verlassen könne. Zu meiner Freude begnügt sich Stroux nicht mit einer ausweichend unverbindlichen Antwort. Er sagt etwa: „Ich hasse das bürgerliche Theater. Ein Theater des Zeitvertreibs, der Unterhaltung, der Zerstreuung ist mir ein Greuel. Ich fühle mich nur jenem Schauspiel verpflichtet, das einer großen Gemeinschaft dienen will, das die Gesellschaft reinigt, das unerbittlich ist, wahr, unerschrocken und frei. Aber wo ist ein solches Theater heute möglich? Wo ist die Gemeinschaft, der es dienen könnte? Wo ist der Dichter, der aus seiner Beschwörung des Wirklichen eine Gemeinschaft Erschütterter, Suchender, hoffend Gläubiger um sich zu sammeln vermag und allein schon damit Zukunft bildet, daß er eine Gemeinschaft bildet?“

„Verlangen Sie damit nicht zuviel vom-Theater allein in dieser suchenden, zerstörerischen und richtunglosen Zeit?“ frage ich zurück. – Aber er beharrt: „Wenn wir schon verdammt sind, immer nur das Unzulängliche zu tun, ist es der einzige Ausweg, von Menschen und Institutionen, die man liebt, viel, soviel wie möglich, eben zuviel zu verlangen. Es ist ja aber nicht nur das Theater heute diesen Zweifeln und Niederbrüchen ausgeliefert. Malerei und Musik liegen im gleichen Schatten scheinbar sinn- und antwortlosen Wirkens.“

„Und der Film nicht, Herr Stroux?“ –