Während im armen Deutschland die Leute prüfende Blicke auf die nun wieder in den Schaufenstern paradierenden Radioapparate werfen, rechnet im reicheren Amerika der Bürger aus, ob er sich einen Fernsehempfänger kaufen kann. Der billigste kostet etwa 160 Dollar. Da man aber glaubt, im Jahr 1952 rund vier Millionen Apparate bauen zu können, dürfte sich der Preis bis dahin erheblich vermindern.

Wie es immer in Amerika zu geschehen pflegt, hat man sich mit Vehemenz auf diese technische Errungenschaft gestürzt. Noch vor wenigen Jahren wurde die Werbetrommel oft vergeblich gerührt. Die Besitzer von Fernsehapparaten waren es bald gewöhnt, telefonisch ihre Wünsche bekanntzugeben, die ihnen dann über das Telefonkabel erfüllt wurden (und die natürlich bezahlt werden mußten). Heute schicken bereits über dreißig Sendestationen ihre Bilder in den Äther. Es gibt Fernsehempfänger in Hotelzimmern, die immer besetzt sind, obwohl für sie ein Aufschlag von drei Dollar erhoben wird.

Populär wurde„televation“ durch die schnelle Übertragung der Hochzeitsfeierlichkeiten der englischen Thronfolgerin Elizabeth. Knapp dreißig Stunden, nachdem sie ihr Ja-Wort in der Westminster-Abtei gesprochen hatte, konnte in Amerika ein dreißig Minuten langer Film mit allen Einzelheiten über den Fernsehsender empfangen werden. (Angehörige von Königshäusern haben in Amerika, immer viel gegolten.)

Europa geht langsamer vor. Es fehlt überall am Geld. Zwar wurde auch hier nach zehnjährigen Laboratoriumsversuchen ungefähr 1935 in der Praxis begonnen fernzusehen. Aber der Krieg machte einen Strich durch neue Pläne. Allein England kann sich heute rühmen, über ein beachtenswertes Fernsehsystem zu verfügen. In Frankreich ist „television“ noch eine kostspielige Liebhaberei, weniger für den Besitzer eines Empfangsgerätes – denn dessen Benutzung ist noch gebührenfrei – als für den Sender im Eiffelturm. Es sind zwar neue Stationen geplant in Marseille, Toulouse und auch Straßburg, aber die nötigen Francs stehen nicht dahinter. Auch in Rußland wird in die Ferne gesehen. Nur Deutschland fällt aus. Wer würde denn auch 2500 D-Mark für einen Empfänger locker machen können? Von allem anderen Erforderlichen gar nicht zu reden.

Leute, die es wissen müssen, meinen, daß nicht nur die hohen Kosten die Fernsehtechnik daran hindern, sich so,schnell wie der Rundfunk zu entwickeln. Während das Radio als sensationelle Neuerung in fünfundzwanzig Jahren vom Detektor mit Kopfhörern und dem trompetenähnlichen Lautsprecher zur geschmackvollen Musiktruhe herangewachsen sei, stehe das Fernsehen im Schatten von Rundfunk und Film. Sie mögen recht haben, denn die Anfänge des Fernsehens gehen bereits auf das Jahr 1884 zurück. Damals war Paul Nipkow in Berlin soweit, mit Hilfe einer Scheibe, die spiralig angeordnete Löcher aufwies, die zu übertragenden Bilder in Zeilen zu zerlegen. (Die Nipkowscheibe ist nicht mehr in Gebrauch, weil mit ihr nur eine geringe Zeilenzahl abgetastet werden kann.) Die Fernsehsender arbeiten mit Ultra-Kurzwellen, deren Reichweite relativ gering ist. Man wird also eine große Anzahl von Sendern benötigen? Versuche mit Flugzeugen haben allerdings ergeben, daß bei einer Höhe von 7500 Meter der Sendebereich von 85 auf 850 Kilometer erweitert wird. Aber wie sollten Flugzeuge die Sendetürme ersetzen?

Trotz aller technischen Schwierigkeiten ist das Fernsehen in Amerika dabei, eine „Kulturmacht“ zu werden. Herr Gallup hat umgefragt und festgestellt, daß von 1500 „typischen Fernsehern“ 92 v. H. nur noch selten Radio hören, 80 v. H. ganz selten ins Kino gehen, 58 v. H. weniger Bücher lesen und 48 v. H. nur hoch ab und an in Zeitschriften blicken. Die Zeitungen rechnen mit erheblicher Einbuße im Anzeigengeschäft, weil sich ferngesendete Inserate als sehr wirksam erwiesen haben. In Hollywood fürchtet man bereits die Konkurrenz. Einige große Filmgesellschaften haben eigene Fernsehabteilungen eingerichtet, um die Fernsehsender mit Filmen zu beliefern. Die Kinos führen Fernsehfilme vor, damit den Fernsehapparat-Besitzern der Geschmack an den soviel kleineren Bildschirmen ihrer Empfängt daheim verdorben werde. Das verspricht aber keinen großen Erfolg, denn wer vom Fernschen profitieren kann, macht eifrig Propaganda dafür: wie ein New Yorker Warenhaus, daß ein Wohnzimmer ausstellte, in dem der Fernsehapparat die Hauptwand einnimmt. Davor Sessel wie im Theater, mit Absetztischen für Gläser und Aschenbecher daneben. Die Sessel geben, zusammengestellt, eine weich gepolsterte Schlafstatt ab. (Im Kino muß man im Sitzen schlafen, wenn der Film langweilig ist.)