Von Fritz Gordian

Rom, März 1949

Wenn man den Golf von Neapel überblickt und im Dunstschleier des Meeres die Umrisse des Inselchens Capri aufsteigen sieht, dann glaubt man, einen Ort der Seligkeit vor sich zu haben, ein Eiland für Träumer, eine Wohnstatt des Friedens. Aber die Italiener, die Capri gründlicher studiert hatten, sagten: „Capri ist der Sammelplatz der italienischen und Westeuropa schen Dekadenz.“

Was konnte man schon im vorigen Sommer nicht alles über die Skandalaffären der merkwürdigen und oft berühmten Capri-Besucher hören! Dado Ruspoli wurde immer an erster Stelle genannt: der letzte Sprößling: einer jahrhundertealten Fürstenfamilie, Enkel jenes Ruspoli, der im Vatikan den Posten eines Empfangschefs bei Besuchen hoher ausländischer Persönlichkeiten innehat, und Enkel eines brasilianischen Kaffeekönigs, dessen Milreis-Kapital vor ungefähr zwanzig Jahren den Landbesitz der Ruspolis sanierte. Dado Ruspoli, ein Jüngling in den Zwanzigern, tanzte auf Capri, spielte unentwegt Tennis, während seine junge Gattin mit ihren bizarren Kleidern auf dem italienischen Modemarkt dieses Winters tonangebend wurde. Dado Ruspoli, so flüsterte man, gehe an einem einzigen Tag dasselbe Geld aus, das für eine mittlere italienische Beamtenfamilie für drei bis vier Monate reichen müssen

Die Angehörigen Dado Ruspolis väterlicherseits saßen neulich in einen Saal des Vatikans. Zusammen mit Abgesandten aller Adelsfamilien Roms. Sie alle kannten sich untereinander und tauschten lebhaft die letzten Nachrichten aus. Sie. schwiegen mir, als der Heilige Vater den Saal betrat. „Die Härte der Zeiten könnte auch euch vor die Notwendigkeit stellen zu arbeiten“, sagte ihnen Pius XII., „zuarbeiten wieso viele andere. Das Volk – ob es euch günstig gesonnen ist oder nicht, ob es für euch respektvolles Vertrauen oder Gefühle der Feindschaft hegt – schaut und beobachtet, welches Beispiel ihr in eurem Leben gebt. An euch ist es, darauf zu antworten und zu zeigen, in welcher Weise euer Verhalten und eure Handlungen in Übereinstimmung stehen mit der Wahrheit und der Tugend.“ – Pius des XII. Rede wurde von vielen römischen Zeitungen unter dicken Überschriften veröffentlicht. Da, wo; man in den Illustrierten vor Monaten Dado Ruspoli unter nächtlichen Lampions den Boogie-Woogie tanzen sah, erschien das Gesicht des Gelehrten-Asketen aus dem Vatikan. In Rom gibt es viele Leute, die zustimmend nickten. Die Ruspoli, Colonna Barberini, Orsini, Borghese, Chigi, Gaetani und Torlonia sind in der Ewigen Stadt bekannt, sie, ihre geschichtlichen Verdienste, ihre Reichtümer, ihre – Fehler, die der Heilige Vater beim Namen nannte.

Von allen römischen Fürstenfamilien sind die Colonna und Orsini die ältesten. Colonnas dienen den Päpsten und werden Kardinäle, Colonnas bekämpfen die Päpste aus rivalisierenden Fürstenhäusern und flohen nach Frankreich, sie kehrten zurück, um 1417 einen der ihren als Martin V. auf den päpstlichen Thron zu bringen und wenig mehr als ein Jahrhundert später Vatikan in Schutt-und Asche zu legen. Auch die Orsinis erschienen im päpstlichen Gefolge: 1241 auf den Mauern Roms gegen Friedrich II., in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts als die Führer der Welfen gegen die ghibellinischen Colonnas.

In die-Geschichte dieser beiden Familien hinan schieben sich die Taten der Borghese, Barberini, Chigi, Gaetani, Ruspoli. Sie teilen sich mit jenen das Land des Kirchenstaates und herrschen durch die Jahrhunderte hindurch „über Leben und Tod“ ihrer Bauern. Jahrhunderte hindurch stellen sie Papste und Kardinäle, und mancher Heilige ward in ihren Burgen oder in ihren Palästen geboren, die sie in Rom errichteten. Bekannt ist die Villa Borghese; im Chigi-Palast befindet sich heute das italienische Außenministerium; die Barberini aber bauen ihren römischen Wohnsitz aus den Quadern des Colosseums und bedecken ihn mit den Ziegeln des Parthenons, worauf Pasquino, der römische Dichter-Rebell des Mittelalters singt: „Quod non fecerent Barbari, fecere Barberini“. Was die Barbaren nicht zerstörten, zerstören die Barberini ...

Heute ist der Ruhm der Patrizier zerflossen. Der Rest des römischen Patriziertums langweilt sich durch das Leben hindurch: tanzt, macht Besuche, reitet, spielt Poker und Tennis. Werden sie jemals die Zeichen der Zeit verstehen, die kein Geringerer als der Papst ihnen deutete?