Von Arno Schmidt

Arno Schmidt ist 1910 in Hamburg geboren. Seine zweite Heimat wurde Schlesien. Nach wechselvollen Schicksalen lebt er heute in Cordingen, mit der Arbeit an einem umfangreichen mathematischen Werk beschäftigt. Von seinen mannigfaltigen literarischen Werken hat Arno Schmidt bisher nichts publiziert. Demnächst bringt der Rowohlt-Verlag unter dem Titel „Leviathan“ einen Band mit drei Erzählungen heraus: „Leviathan oder Die beste der Welten“, „Enthymesis oder w. i. e. h.“ und „Gadir oder Erkenne dich selbst“. „Leviathan“ ist das Bekenntnis der errungenen Weltansicht des Autors in Form eines Tagebuchberichts. Der Bericht schildert die Fahrt einer Flüchtlingsschar in einem improvisierten Eisenbahnzuge, ständig beunruhigt durch die Berührung mit dem näherrückenden unmittelbaren Kriegsgeschehen. Wir bringen hier einen Auszug aus der erregenden Erzählung, kurz vor dem dramatischen Ende.

Die Sonne erschien auf einen Augenblick zwischen schüchternen Wolken. Ich hockte mich auf einen Baumstumpf; unten lehnte Hanne am roten Wagen, ganz im Licht. Der Kopf sank mir auf die Brust, ich schlief ein. Weit war der wimmelnde Bahnhof, Treppen und Hallen; da schrie ich schon: „Sie kommen! Deckung!“ Zehntausend Traumgesichter erbleichten, an allen Wänden bargen sie sich, ich warf mich neben die Steinstufen. Oben in der klaren Luft loopten die drei Maschinen; ganz deutlich die Einzöller-Rohre aus den Tragflächen. Hanne war weit von mir getrennt worden, ein Gestaltenstrom schwemmte dazwischen; ich hob nach ihr rufend den Kopf, da zuckte es schon auf den Steinen und gerne. Armlange grüne Flämmchen Stadien schlank aus dem Boden, rissen tischgroße Erdfladen heraus, Splitter jaulten, man blutete. Sie flogen Karussell und feuerten, Ruck und Widerruck; durch Lokomotiven; Faustgroß durchlöcherten sich Hauswände; eine Baumkrone kam brechend herab (Madonna mit der Gasmaske, Aufgabe für alte Meister) – da: Abflug! Ich rannte zurück zu unserem Wagen (der sich plötzlich in einen Personenwagen verwandelt hatte), ich rief verzweifelt: „Hanne! Hanne!“, aber da trat sie schon ans Fenster. Ich kam langsam auf das Trittbrett, müde, im alten dreckigen Soldatenmantel, müde; ich faßte das herabgelassene Fenster mit beiden Händen und sah hinauf in ihr Gesicht, sah und sah. Leuchtende Stille und Seligkeit. Ihr Mund wollte sich spöttisch und ziervoll krausen, Erstaunen und zärtliche Heiterkeit, Fremdheit und Neigung. Sie zog eine Hand aus der Tasche und schob sie mir über die Stirn ins Haar. Ihr Gesicht war hell vor meinen Augen; sie sann und rätselte. Sie sagte: „So viel Schmutz and Elend die ganzen Jahre.“ Streichelndes Schweigen. Schwermütig und listig bog sich noch einmal das Lippenrot. Gelächel und Worte, gefährlich Und versprechend: „Und ein Schutzengel wäre doch recht nötig, wie –?“ Ich zuckte; ich erwachte; Goldsonne und Blauschatten fleckten um mich. Hanne stand vor mir, betrachtete mich interessiert und fragte: „Was ist denn los? Sie haben ja gar so innig und intim nach mir gerufen.“ Sie machte eine winzige artistische Pause und meinte ironisch und wissend: „Geträumt, eh?!“ Ich spannte die Brauen; ich erzählte; Wort nach Wort. Sie lauschte mit spöttisch geneigtem Ohr. „Und – c’est tout?“ fragte sie und tat enttäuscht: „– recht wenig pikant eigentlich. Soldaten sollen doch im allgemeinen aggressiver sein –“. Herausfordernd. Ich nickte höflich und sagte: „Ich weiß, ich habe mich wenig geändert. Sie allerdings auch nicht.“ Sie drehte mir auflachend, dann pfeifend den Rücken („Fräulein, heut dürfen Sie nicht allein sein...“) hielt an, kam zurück und erkundigte sich: „Passiert Ihnen das übrigens öfter: von mir zu träumen –?“ Ich zögerte gar nicht, ich sagte verbindlich: „Ja.“ Sie warf anerkennend den Kopf und meinte über die Schulter: „Etwas anders sind Sie doch geworden. Früher haben Sie bloß Augen wie Spiegeleier gemacht – na schön.“ Sie bummelte wieder zu ihrer Mutter hinab. Das kranke Kind starb gerade; Och orro orro allalu.

14.13: Trübe strömte der Himmel; zuerst nebelfein, hoch über dem hohlen bläulichen Schnee; Wind sprang fetzig im Westen auf; die Welt versank in grauer Heiserkeit: es begann zu schneien. Schwer und scheußlich.

16.10: Der Schnee, der Schnee; stundenlang. Hanne hatte die Hände in die Taschen gestoßen und saß unbeweglich. Der Alte räusperte sich. Noch einmal. (Er sah schon schmutzig aus und weiß und dürr.) Er sah mich beherrscht an und fragte: „Sie sagten vorhin, dies Universum sei in Kontraktion begriffen, und wäre zuvor ,ausgeblasen‘ worden. Können Sie eine Vermutung für dieses Pulsieren angeben?“ Er machte das Gesicht klein und faltig und lauschte angestrengt. Die HJ verglich die Panzerfäuste (zum Entsetzen der ländlichen Greisin): ... also Loch kommt auf Loch; Zuschrauben... ‚ sie spielten so eifrig damit, echte Kinder des Leviathan (Du bist mein lieber Sohn...); böses Eisen und tödliches Feuer; ei, die Wohlgeratenen. Ich dachte an die irrsinnigen Hetzplakate des Gauleiters Hanke in Breslau; wie er mit der schnalzenden Eloquenz des Wahnsinns die Staatsjugend aufrief: Schnee in die Flüsse und Bäche zu, schaufeln, daß sie aufschwellen und die Feinde festhalten (wörtlich! So habe ich es selbst am 8. 2. 45 im Schaufenster des Kaufmanns Schneider, Am Graben, in Greiffenberg, gelesen!). Schuppig wogendes Geström, wurmhaft empört; schön. Wie er von den abgelebten Alten forderte, sich nachts mit Bränden in die vom Feind besetzten Ortschaften zu schleichen, Flammen schleudernd, mit der hohnvollen Logik: sterben müßt ihr doch bald, also gebt den Rest eurer Tage dem Führer! – Ich bin fest überzeugt, daß sie aus johlendem Irrwitz und kreischender Vernichtungsgier (und die Lust des Herostratos nicht vergessen!) Deutschland bis zur letzten Hundehütte in Lohe und Trümmern aufgehen lassen. Wie gesagt: Wiedertäuferallüren. Ein anderes Kostüm, ein größerer Schauplatz. Und der Alte soll seine Antwort haben. Ich röhrte meine Stimme frei; ich sagte barsch:

„Sie wissen aus Ihrem Schopenhauer, daß die Welt Wille und Vorstellung ist; er hält bei dieser Erkenntnis inne, tut den letzten Schritt nicht; aber am Ende wird dies beides in einem Wesen furchtbarer Macht und Intelligenz vereinigt sein.“ Der Pfarrer hob lächelnd und heiligerfreut den Kopf: „Gott“, sagte er nickend und beruhigt, „Sie kommen nicht um seine Tatsache herum –“ Ich wandte nicht einmal die Augen; ich sprach: „Der Dämon. Er ist bald er selbt; bald west er in universaler Zerteilung. Zur Zeit existiert er nicht mehr als Individuum, sondern als Universum. Hat aber in allem den Befehl zur Rückkehr hinterlassen; Gravitation ist der Beweis hierfür Körperlichen. (Die 80 Kugelsternhaufen weit über der galaktischen Ebene, sind sie nicht Vor- und Beispiel? Vielleicht mögen sie allmählich in die größeren Sternwolken aufgenommen werden, aber als Ganzes, denn ihre Kontraktion dürfte weit schneller erfolgen) im Geistigen deuten auf solchen Zwange die Tatsachen des Gattungsbewußtseins (allen gemeinsame Flugträume usw.; die beweisbar gleiche Raum- und Zeitvorstellung aller Lebewesen: gemeinsamer Ursprung), die Unfreiheit des Willens im Handeln (Weiser Schopenhauer! Mit allen Konsequenzen: Möglichkeit der Zukunftseinsicht, etwa durch Träume – J. W. Dünne – Magie), im Tode Auflösung des Einzelwesens (Wir wünschen unsere Perpetuierung als Individuen, und diese Wahlparole haben die Religionen – Christen, Mohammedaner – deshalb haben sie Anhänger; eine Lehre – wieder Schopenhauer –, die das – Vergehen des Individuums im „Allwillen“ wahrscheinlich macht, kann nie populär oder geliebt werden, auch nicht von dem, der sie für wahr erkennt; sie hat immer vom Medusischen). Die Akkumulierung der Intelligenz zu immer größeren Portionen – siehe Palaeontologie – spricht für diese Rekonstituierung des Dämons auch in geistiger Hinsicht – (Möglichkeit „übermenschlicher“ Existenzen: Zauberer, Elementargeister – oh, Hoff mann – wieder die 80 Kugelsternhaufen).

Nichts berechtigt uns nebenbei, anzunehmen, daß unser Leviathan einzig in seiner Art sei. Es mag viele Wesen seiner Größenordnung und unter ihnen auch gute, weiße, englische, geben. Wir sind allerdings leider an einen Teufel geraten. Si monumentum quoeris, circumspice (steht auf Sir Christophers Grab).“