Dämmerung, Dämmerung: der Schnee stürzte lautlos vorbei; am Türspalt; Milliarden kristallener Wesen, luftgeboren, wassergestorben. (Was für Flocken mag Eisen bilden, wenn es aus der Sonnenatmosphäre auf den rasenden Glutleib niederklatscht: drachig, stachelstarr. – Oder Gold –). – Vorn von der Lok kam rauh (aber klein) der Heizerruf: „Aufpassen! Geht los!“ Dampf schoß stoßweise auf; es ruckte und klapperte. Ein winziges Stückchen. Eine Hemmung. Und dann brach hinter uns ein höllisches Splittern und Bersten auf. Wieder ein Meterchen. Wieder riß es und bellte wie platzendes Holz. Ich sprang auf, zur Tür, und schwang mich durch den sprang fing Hanne hinter mir (ein kühnes Pelzmädchen), da kam auch schon der Lokführer und wir sahen fluchend, daß die Ketten gerissen (zerschossen?) waren, und der Schwellenreißer – well: tadellos arbeitete – Wir krümmten uns zwischen die Puffer, riefen die anderen und versuchten noch einmal, mit schwingenden Armen, beugend und hebelnd, den Wagen abzukuppeln. Noch einmal. Aber es blieb umsonst; Rost war in Rost gefressen; wir zerrissen uns die unbewehrten Hände. Und Eile tat not; wir mußten die paar Minuten der Dampfspannung ausnützen. So klommen wir stumm und naß in die rollende Bude, und (pfiff der verrückte Hund nicht wieder!) ab gings. Fahrt ins Graue mit obligatem Schwellenreißer. Heil Hitler. Der Postmeister wurde auf einmal fassungslos wild; er ballte eine Faust gegen die hoffnungsvollen Jünglinge und schrie (lauter als der Satanstakt hinter uns): „Schämt ihr euch nicht, diese verfluchte Uniform zu tragen?! Hört ihr denn das nicht?! O die Lumpen, die Lumpen!!“ Auf stand Deutschlands Zukunft; sie fragten erstaunt und giftig: „Wieso denn? Das ist doch prima! Da kann der Russe wenigstens nicht nachstoßen!“ – Der eine, Ältere, sagte ruhig und drohend: „Sehen Sie sich nur vor. Es sind noch viel zu wenig im KZ.“ Und der andere (kindlich und eifrig – war es nicht eine Art modernen Spiels? Man brauchte doch nur ein heiteres Knöpfchen zu drücken –): „Schieß doch den verdammten Verräter über den Haufen!“ Draußen wuchs das häßliche Lärmen an einsamen Häusern in unmäßige Tollheit. Eine Pappelreihe kreuzte unseren Weg. Sterne. Der Schnee war aus der Luft verschwunden. Rollen, Splittern. Rolle – Rolle – ho: langsamer. Es zerwürgte gemach noch eine Schwelle. Zögernd, genießend: noch eine. – Noch – eine – noch. Wir standen. Ich riß die Pistole heraus; ich war ganz wütend und kalt; ich herrschte in die plötzlich summende Stille: „Wer noch einmal von Erschießen spricht, hat eine Kugel im Bauch! Haben wir noch nicht genug Elend im Wagen – ?“ Gleichzeitig fühlte ich Hunger und Durst (bisher konnte ich’s noch leidlich wegdenken); ich knuffte die Tür auf und hüpfte hinab: Donnerwetter; knietief! Es hatte viel geschneit. Und Moys; dicht hinter dem kleinen Stationsgebäude. Drüben zweigte die Strecke nach Kohlfurt, Penzig ab. Ich aß schaudernd zwei Hände voll Schnee. Und kalt war es geworden. Oben aus dem dunklen Viereck fragte eine ruhige, etwas brüchige Stimme: „Nun? Was ist? –“ Du Doppelstern. Ich erwiderte: „Vor uns liegt schweres Feuer –“. „Uns –“, wiederholte sie raffiniert träge und sprang mir in die Arme, ohne die Hände aus den Taschen zu nehmen. Ich lachte laut auf; warf den Kopf zurück: „Ja. Uns!“ sagte ich ingrimmig und belustigt – da rief der Heizer.

19.30: Aus einer fernen Hügelkette stiegen lautlos die roten Perlenschnüre der Vierlingsflak. Die Kälte wurde immer strenger; trotzdem hat es noch einmal heftig geschneit, aber ganz fein undhatt.