Ab 1924 die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft gegründet wurde, gab man ihr, dem Beispiel fast aller Eisenbahnen der Welt folab oberstes Leitungsorgan einen Verwaltungsrat. Dieses Sachverständigen-Gremium, dessen Mitglieder entweder Kenner des Wirtschaftslebens oder Eisenbahnfachleute waren, sollte an keinerlei Aufträge oder Weisungen gebunden sein und übte sein Amt nach bestem Wissen und Gewissen zum Nutzen der Wirtschaft (und der Reichsbahn!) aus. So gut waren die Erfahrungen, die man mit diesem Spitzenorgan gemacht hatte, daß es sogar noch lange bis ins „Dritte Reich“ hinein bestehen blieb: erst 1939 wurde es zu einem „Beirat“ (mit beratenden Funktionen) umgewandelt. Aber man erinnerte sich seiner (und seiner für die Gesamtwirtschaft so segensreichen Tätigkeit) wieder, als man im Vorjahre das Gesetz über den Aufbau der Verwaltung für Verkehr schuf: und, ordnete die Gründung eines neuen Verwaltungsrates an. Alle Sitzungsprotokolle zeigen, daß es der Wille der Gesetzesschöpfer war, dieser Rat solle schnellstens seine Tätigkeit wieder aufnehmen; auch das neue Reichsbahngesetz, das man zur Zeit berät, sieht gleichfalls wieder einen Verwaltungsrat vor.

Seit der Verabschiedung des Aufbaugesetzes (21. April 1948) ist nunmehr bald ein Jahr vergangen –, aber von dem Verwaltungsrat, der so dringend von allen interessierten Kreisen gefordert wird, hört man kein Sterbenswörtchen, mehr. Es kommt einem fast so vor, als hätte man ihm mit dem Gesetz ein Staatsbegräbnis erster Klasse beschert Wann das neue Eisenbahngesetz einmal, unter Dach und Fach gebracht sein wird, vermag niemand zu sagen. Man streitet sich über alle niemand – besonders um die unwichtigsten – Dinge herum, und vergibt darüber ganz die Elemente der organisatorischen Ordnung. Haben nicht die Verlader aus der Wirtschaft ein Recht darauf, daß nunmehr schnellstens das Sachverständigen-Kollegium, also der Verwaltungsrat, zusammengerufen wird?

Nach Bern Wortlaut des Gesetzes hat der Verwaltungsrat die Aufgabe, die Geschäftsführung der Reichsbahn zu überwachen und über grundsätzliche Fragen (oder solche von allgemeiner Bedeutung) und über „wichtige Einzelfragen“ zu entscheiden. Er hat die Richtlinien aufzustellen, nach denen der Generaldirektor der Reichsbahn (in Zukunft wohl Präsident genannt) den Gesamtbetrieb zu führen hat. In grundsätzlichen Fragen kann er sogar Beschlüsse fassen, die den Leiter der Eisenbahn binden. Insbesondere hat der Rat der Ernennung der leitenden Beamten der Reichsbahn zuzustimmen, die Löhne der Arbeiter und die Gehälter der Angestellten, soweit durch sie die Gesamtfinanzlage der Reichsbahn wesentlich berührt wird, festzusetzen – und, vor allem, auch über die Tarife zu bestimmen. Reichhaltige Kompetenzen also, wie man sieht; heute ist für die gleichen Dinge eigentlich mir der Generaldirektor der Reichsbahn zuständig, zusammen mit dem Direktor für Verkehr, als dem parlamentarisch verantwortlichen Manne.

Gerade das letzte halbe Jahr hat unendlich viele Fragen aufgeworfen, die unbedingt einer Lösung zugeführt werden müssen. Das Personalwesen bereitet große Schwierigkeiten Entlassungen waren in größtem Stile vorzunehmen; neue Entlassungen werden nicht zu vermeiden sein, so sehr es auch das Bestreben der Reichsbahn ist, sie zu verhindern: die Besatzungbehörden (und auch deutsche Stellen) dringen darauf. Der Generaldirektor steht, auch was andere Fragen angeht, in einem fortwährenden Kampfe gegen Zumutungen, die er einfach nicht hinnehmen kann. Schließlich wird dadurch die Leistungsfähigkeit des Betriebs berührt. – Das Tarifwesen ist ein nicht minder heißes Eisen. Noch sind die Tarife nicht den heutigen Verhältnissen angepaßt. Im Durchschnitt gerechnet liegen sie für den Personenverkehr noch unter dem betriebsnotwendigen Stande. Der gesamte Berufsverkehr wird heute noch (was offenbar kein Mensch weiß!) nach einem Tarif abgewickelt, der schon 1926 bestand! Man übersieht ge-Wissentlich, daß inzwischen alle Löhne und viele Gehälter erheblich gestiegen sind. Einmal muß stach die Bahn sich den tatsächlichen Kosten-Verhältnissen anpassen. – Die Gütertarife werden auch trotz der im Vorjahre erfolgten Erhöhung um 40 v. H. nicht voll der Kosten-Entwicklung gerecht. Und schließlich verdient das Finanz- und Kreditwesen eine besondere Beachtung. Kein vernünftiger Mensch wird bestreiten, daß die ganze Wirtschaftsführung der Eisenbahn gesund ist. Man hat es ihr erst unlängst mehrfach ans dem Munde berufener Sachverständiger bestätigt. Gibt man der Reichsbahn nicht bald die unbedingt notwendigen Kredite, um die sie sich seit Monaten in endlosen Verhandlungen bemüht, so drohen ernsthafte Schwierigkeiten; das ganze Getriebe kann eines Tages durcheinander gebracht werden.

Alle diese Probleme, hier nur kurz skizziert, müssen bewältigt werden: man kann sie nicht einfach auf die Schultern eines einzigen Mannes abwälzen. Hier muß eben ein Verwaltungsrat helfend einspringen, in dem, neben den Vertretern des Wirtschaftsrates, des Länderrates und der Zweizonen-Verwaltungen, eben Wirtschaftler und Gewerkschaftler, speziell Sachverständige des Verkehrswesens, sitzen – bemüht, gesunde Verhältnisse zu schaffen, es der Führung der Reichsbahn zu ermöglichen, eine klare und zielstrebige Politik zu treiben. Und: ein Programm für die nächste Zukunft aufzustellen, an das sich die Verwaltung in Offenbach halten kann. Der Direktor für Verkehr oder – wenn er nicht endlich die Initiative ergreift –, der Oberdirektor, muß sich endlich dazu bereitfinden, dem Willen des Gesetzgebers gerecht zu werden, und einen Verwaltungsrat für die Reichsbahn einzuberufen. Zeit ist eben nicht mehr zu vertieren.