Von Marion Gräfin Dönhoff

Die holländische Regierung hat für den 12. März eine round table conferenz nach dem Haag einberufen, zu der die indonesischen Führer der Föderalisten und Republikaner und das UNO-Komitee für Indonesien eingeladen wurden. Es soll dort über die Bildung einer niederländisch-indonesischen Union, die Übertragung der Souveränität und die Überbrückung der Interimsperiode gemeinsam beraten werden. Gleichzeitig mit dieser Einladung wurde ein Kommuniqué herausgegeben, in welchem „die vorzeitige Übertragung der Souveränität über Indonesien an eine repräsentative föderale Regierung“ verkündet wurde – vorzeitig insofern, als die Resolution des Sicherheitsrates diese Maßnahme erst für den I. Juli 1950 vorgesehen hatte, Und schließlich wurde die Bedingung des Sicherheitsrates, die gleichzeitig die Voraussetzung für jede Art von Verhandlung ist, erfüllt: die Freilassung der republikanischen Führer, die zu Beginn der sogenannten Polizeiaktion am 19. Dezember 1948 festgesetzt worden waren.

Sie hatten noch am Morgen jenes 19. Dezember, als schon die ersten holländischen Fallschirmtruppen in Djogjakarta, der Hauptstadt der Republik Indonesien, landeten, in einer letzten Kabinettssitzung einen Aufruf verfaßt, der zur Sabotage auffordern sollte und zur Verhinderung der Bildung einer Marionettenregierung, So mag es verständlich sein, daß die holländische Regierung jetzt die Freilassung der republikanischen Führer, zu denen Präsident Soekarno, Ministerpräsident Hatta und verschiedene andere Minister gehörten, nur unter der Bedingung zugelassen hat, daß sie Djogjakarta nicht betreten. Es ist anzunehmen, daß die Republikaner ihre Teilnahme an der round table conferenz von der Aufhebung dieser Beschränkung und von der Räumung Javas durch die holländischen Truppen abhängig machen. Sollten sie nicht teilnehmen, so könnte die Konferenz im Haag zu keiner Lösung führen, und die allgemeine Erleichterung, die während der letzten Tage in Holland spürbar war, wäre ver- – früht, zumal die Lage in Indonesien selbst sich keineswegs konsolidiert hat. Die Guerillakämpfe gehen weiter; erst in der vergangenen Woche haben, wie aus Batavia berichtet wurde, „schwer bewaffnete Einheiten der republikanischen Armee Sturmangriffe auf Djogjakarta unternommen“; zwar haben die holländischen Streitkräfte den Angriff erfolgreich abgeschlagen, aber sie können es nicht verhindern, daß der frühere Generalinspekteur der republikanischen Armee über einen Geheimsender die Überfälle auf holländische Transporte leitet.

Im Grunde ist die Lage der holländischen Regierung heute wohl kaum günstiger als vor der „Polizeiaktion“, die, mit allen Mitteln der modernen Kriegführung durchgeführt, der Welt doch ein recht fragwürdiges Schauspiel bot, der Sowjetunion vielseitigen Propagandostoff lieferte und die Probleme in Indonesien selbst nur noch verschärft hat. Zwar war der Zeitpunkt zweifellos günstig gewählt, insofern als eigentlich niemand wagte, entschlossen für die Ideale einer friedlichen Verständigung einzutreten; Amerika nicht, weil ihm alle Maßnahmen, die angeblich zur Niederwerfung kommunistischer Aufstände dienen, gerechtfertigt erscheinen, Frankreich nicht, weil es im Hinblick auf seine Politik in Indochina gewissermaßen „im Glashaus sitzt“, und England schließlich schwieg, weil es den Partner der Westeuropaunion nicht verstimmen wollte. Der Stolz der holländischen Regierung: mit diesem zunächst erfolgreichen „Blitzkrieg“ ohne allzu großes Aufheben davongekommen zu sein, wäre sicherlich berechtigter, wenn man auf diese Weise die politischen Probleme einer Lösung nähergebracht hätte. Das aber kann nicht geschehen, wenn die Programmpunkte für die jetzt im Haag beginnende Konferenz wieder die gleichen sind, über die seit drei Jahren erfolglos debattiert wird. So wie die Dinge liegen, wird eine Konsolidierung in Indonesien wohl nur möglich sein, wenn Holland sich entschließt, entscheidende Schritte auf dem Wege zu tun, den England in Ceylon und Indien gegangen ist.

Wenn das im März 1947 geschlossene Abkommen von Linggadjati, das die Errichtung der niederländisch-indonesischen Union für den 1. Januar 1949 vorsah (an diesem Tage waren die Kanonenrohre noch warm von der eben erst beendeten „Polizeiaktion“), nicht eingehalten worden ist, so lag das an dem Widerstreben der Republik Indonesien, sich in eine Föderation gleichberechtigter Staaten einzugliedern. Den Führern der indonesischen Republik schwebt im Grunde die vollständige Unterordnung ganz Insulindes unter ihre Herrschaft vor und die endgültige Trennung von Holland, unter gleichzeitiger Vertreibung aller Weißen. Dieses radikale Programm stammt aus jenen ersten Monaten nach Beendigung des zweiten Weltkrieges, in denen politische Kurzsichtigkeit und wirtschaftlicher Egoismus den Grund legten für die meisten Probleme und widersinnigen Konstruktionen der folgenden Jahre. Damals, nach der Kapitulation von Japan am 14. August 1945 war ein Vakuum entstanden, weil Holland, das bis zum Zusammenbruch Deutschlands praktisch ausgeschaltet war, seine Handlungsfähigkeit hoch nicht wiedererlangt hatte und alliierte Truppen, die den Schutz Indonesiens übernahmen, erst am 29. September in Batatvia landeten. Dieses Interregnum benutzten javanische Nationalisten, denen jahrelang von den Japanern die asiatische Monroe-Doktrin gepredigt worden war, um unter Soekarno die selbständige Republik Indonesien auszurufen. Diese Regierung wurde dann von dem Befehlshaber der gelandeten englischen Truppen, General Christinson, der monatelang die Rückkehr der Holländer verhinderte, als de facto-Regierung anerkannt. Seither fordert die Republik die uneingeschränkte Souveränität und seither ist Holland überzeugt, daß die Engländer und Amerikaner schuld sind an der Situation in Indonesien.