Immerhin wurden am ersten Messe-Tag 3 740 Besucher aus dem Westen gezählt, die nicht Mühe, nicht Kosten gescheut hatten ... Die größte Mühe war das Schlangestehen an der Grenze gewesen. „Geht doch schwarz, dann geht’s schneller...“ hatten die Westpolizisten geraten. Bei vier bis acht Grad Kälte – die Füße standen in Schnee und Matsch – wurde den Westgästen beigebracht, sich in Geduld zu üben. Und wirklich bewiesen mehr als 3 000 Menschen beim Helmstedter Grenzübergang wahre Engelsgeduld bis zum frühen Morgen. Viele benutzten die Gelegenheit, ihre Verwandtschaft in der Ostzone zu besuchen. Und die meisten hatten sich ausgerüstet, als gälte es eine Expedition ins Ungewisse. Sie waren die Vorsicht selbst und blieben sogar standhaft gegenüber den arglistigen, aber plumpen Versuchen der russischen Kontrolleure, die je eine Westmark gegen 80 Pfennig der Ostmark-Währung umtauschen wollten. Jedem wurde sein Bestand an Westgeld in eine „Devisenbescheinigung“ eingetragen. Nach soviel Umständen war die Messe selbst dann eine gründliche Enttäuschung.

*

Nicht, als ob nichts zum Sehen geboten würde! Seit dem Vorjahre ist das Ausstellungsgelände um 20 Prozent der Fläche erweitert worden. Die Industrie der Ostzone bot eine „Generalschau“ dar (während die Aussteller aus den Westzonen nur noch ein Drittel der vorjährigen Zahl ausmachten), Es waren imponierende technische Neuerungen zu sehen, und auch die Preise konnten sich sehen lassen. (Eine Reproduktionseinrichtung für eine Druckerei zum Beispiel, wie sie unlängst im Westen für 20 000 D-Mark angeboten wurde, war dort zum Preise von 4 500 Ost-Marie ausgeschrieben). Aber die Besucher aus dem Westen stellten fest, daß sie nur sehen und nichts kaufen konnten. („Aus dem Westen: kommen Sie?“ erwiderten die „Verkäufer“ stereotyp, „dann hat alles keinen Zweck.“) Keine Liefer-, keine Transport-, keine Zahlungsmöglichkeit; nichts! Alles dies ist tief beklagenswert, gleichgültig, wer die Schuld daran trägt. Unter diesen Umständen aber: was soll uns die Leipziger Messe?!

Daß die Preise der auf der Messe ausgestellten Waren von Potemkin stammen, zeigte der Vergleich mit den Preisen, die die Leipziger Restaurants sehen ließen. Hasenbraten. 17,80 O.-Mark, Bier 2 O.-Mark, Suppe 2,50 O.-Mark ... Und hier die Preise der freien Läden“ – : Ein Pfund Zucker 18 O.-Mark, Mehl 10 O.-Mark, Nudeln 12 O.-Mark, ein Berechtigungsschein für einen Zentner Kartoffeln kostet 26 O.-Mark in der Ostzone. Aber Fett ist nirgendwo zu. haben. Übrigens, wer würde auf der Rückfahrt von Leipzig zur Grenze nicht Gelegenheit genommen haben, die Wucht der Spruchbänder über den Straßen („Die SED baut auf“) mit der Wirklichkeit ostzonalen Daseins zu vergleichen! Da sind in und um Leipzig die Luxuslimousinen der SED-istischen Würdenträger mit gold- und silberbestickten, zellophanverpackten Standarten (wie gehabt), und da ist der Anblick von kleinen Handkarren, auf denen die Bürger aufgesammelte Kohlenreste oder Holzstücke heimwärts, fahren, (Obwohl Leipzig und Umgebung, über der Braunkohle liegen). Der Messebesucher, der schon im vorigen Jahre zur Stelle war, stellte fest: Im Dasein der Leute selbst hat es nirgendwo einen Fortschritt, nirgendwo irgendeine Erleichterung gegeben. Aber der Grenzkreis in der Nähe von Helmstedt hat sieben verschiedene Landräte und ein Ort dieses Kreises hat fünf Bürgermeister „verschlissen“. Motto: Die SED baut auf und ab...

Kleiner Zwischenfall beim Grenzübertritt: Wegen geringer Differenzen des Westgeldbestandes und der Eintragung auf der „Devisenbescheinigung“ penetrante Leibesvisitation, stundenlanges russisches Verhör, das immer wieder in dem Ausruf gipfelte: „Du Geld verschoben ... du Geld verschoben ...“

Ewald Schmidt-di Simoni