Oh, diese alten Filmtitel! „Das Gift im Weibe“ ... „Sündenlast“ ... „Die von der Liebe leben“ ... „Lu, die Kokette“ ... „Brautnacht im Walde“ – das ist eine Kostprobe von Filmtiteln aus den Jahren, die unmittelbar dem ersten Weltkrieg folgten. Es ist nach dieser Kollektion unverhüllter Verheißungen nicht so verwunderlich, daß ein Abgeordneter in der Nationalversammlung 1920 eine Filmvorführung mit der „Atmosphäre öffentlicher Häuser“ verglich.

Diese krasse Form des Anreizes und des Aufreizens milderte sich freilich nach und nach unter dem Druck bürgerlicher Verachtung, milderte sich mit zunehmendem Ehrgeiz der Produzenten, dem Film das Mäntelchen künstlerischer Würde umzuhängen. Viel höher kann man diese ersten Bestrebungen jedoch noch nicht einstufen; denn dem Sprichwort zufolge, nach dem der Geist willig, aber das Fleisch schwach ist, übten Stoffe aus den Bereichen des Mädchenhandels und der Prostitution noch lange ihre Anziehung auf die Produzenten aus. Immerhin hatten es die staatlichen Prüfstellen, die sich nach der Aufhebung der Zensur im Jahre 1918 wieder gemausert hatten, mit der Zeit schwerer, die Grenzen der erotischen Schädlichkeit abzumessen, und ihr Eiertanz zu diesem Beruf nahm bisweilen amüsante Formen an. In dem Film „Lunapark“ mußte ein Zwischentitel „Auf den vier Buchstaben sitzt sichs auch ganz gut“, ausgerechnet seiner vier Buchstaben beraubt wenden, damit es den sittlichen Anforderungen der republikanischen Bürokratie genügen konnte. Ist es verwunderlich, wenn diese Republik im konsequent humorlosen Nationalsozialismus endete? Und ist es verwunderlich, wenn dieser wiederum in der Versenkung verschwand, wenn man dagegen hält, daß Goebbels Propagandaministerium in einem Drehbuch aus der Wendung „Ach, du lieber Gott!“ den Gott und aus dem Ausruf „Pfui, Teufel!“ den Teufel hinauswarf – als Elemente jüdischer Denkart!? Grotesk ist auch die folgende Beanstandung des gleichen Zensors: Ein Arzt bekam Besuch von seiner geschiedenen Frau. Die Frau vergaß, daß sie in dem alten Haushalt nichts mehr zu sagen hatte und begann, in der Wohnung nach altem Brauch umzuräumen, zum nicht geringen Erstaunen der neuen Hausfrau. Die witzige Szene fiel der Schere zum Opfer, denn: „Es gibt keine geschiedenen Eben!“ (Im „Dritten Reich“). Nein, bei Goebbels ging es auch ohne Scheidung.

Im Jahre 1918 hatte die Kunst wie die Frau das Korsett auf den revolutionären Scheiterhaufen geworfen. Nach dem zweiten Weltkrieg ist es ganz anders. Zahlreiche und nach einem verzwickten Lizenzierungssystem ausgewählte und überprüfte Kleinsiedler haben das Erbe des filmischen Großgrundbesitzes übernommen und gehen bescheiden zu Fuß; wenn sie es weit gebracht und gut verstanden haben, fahren sie in einem Volkswagen. Sie wurden gewogen und nicht zu leicht befunden, die ihnen auferlegten politischen und moralischen Verpflichtungen und Aufgaben zu tragen. Gleichwohl melden sich – und wollen ein Sieb unter das Sieb halten –schon wieder gesellschaftliche Verbände, die einen Schutz gegen die volks- und sittlichkeitsverderbenden Tendenzen des Filmes für notwendig erachten und die zu diesem Zweck selbst vor organisierter Filmstürmerei nicht zurückschreckten. Doch der Film war diesmal wachsamer. In der doppelten Erkenntnis, daß doch wohl ein schwarzes Schaf durch die Maschen geschlüpft sein könnte – und daß es unter Umständen weniger weh tut, wenn man sich eine Wunde selbst säubert, als wenn anderedas tun, nahm der Film den Zensurbeflissenen den Wind aus den Segeln, beschloß eine Selbstzensur mit Hilfe staatlicher und gesellschaftlicher Instanzen, jedoch mit einer, kleinen Mehrheit der Filmindustrie und scheint entschlossen, seinen Platz zwischen Freiheit und Ordnung selbst zu bestimmen. Den Weg und die verschiedenen Formen der Zensur von den Anfängenbis zur Gegenwart zeigt Georg Boese in seiner Broschüre „Der erhobene Zeigefinger“, die in der Neuen Verlags-Anstalt in Baden-Baden erschien. Sie enthält auch die gar nicht kleine Liste der amerikanischen und englischen Zensurwünsche für ihre eigenen Länder.