Von unserem Ostzonen-Mitarbeiter

R. P., Dresden, im März 1949

Während die Weltöffentlichkeit gebannt auf Berlin blickt, erteilen die Sowjets der besitzenden Bürgerschicht der Ostzone Schlag für Schlag, von denen sich zu erholen ihr ohne auswärtige Hilfe unmöglich sein wird. Von den neuen Besitzentziehungen seinen erwähnt: die Enteignung des gesamten Filmtheaterbesitzes, zuerst von der kommunistischen Landesregierung in Sachsen verfügt, nunmehr auch von den anderen Landesregierungen der Ostzone auf die Tagesordnung gesetzt; die Einführung sogenannter „Volksapotheken“ als staatliche Drogenverkaufsstellen, für je 10 000 Einwohner eine Volksapotheke, in verschiedenen deutschen Ländern hinter dem Eisernen Vorhang; und an dritter Stelle sei die vorbereitende Diskussion der Länder-„Parlamente“ über das Verbot jeder privatärztlichen Tätigkeit, die Auflösung auch der kleinsten Ärztepraxis und die Ernennung der Ärzte zu Staatsbeamten innerhalb der einzig erlaubten staatlich-kommunistischen Polikliniken erwähnt Die Ostzonenpresse veröffentlichte diese umwälzenden Maßnahmen in kleinerer Aufmachung als die lächerlichsten Verkehrsunfälle. Die westdeutsche Bevölkerung schaut ausschließlich nach Berlin, während Zehntausende von Existenzen, die über zehn Jahre Krieg und Nachkriegszeit und durch jeden Bombenhagel ihren Besitz gerettet hatten, über Nacht dem Untergang geweiht wurden.

Dies aber ist keineswegs das Ende des Angriffs der Sowjets auf die Privatwirtschaft. Nunmehr ist der Kampf eröffnet gegen die allerletzten Einheiten des Grundbesitzes. Hier ist nicht die Rede vom großen Grundbesitz, der zerstückelt ist, nicht vom mittleren Grundbesitz, der verstaatlicht ist, nein, wir sprechen vom kleinsten Hausbesitz.

Hier die Tatsachen: Im Verlaufe des letzten Vierteljahres erhielten die Hausbesitzer der Ostzone, soweit sie außerzonale Hypothekengläubiger haben, die Mitteilung, daß die Hypothekenzinszahlungen sofort einzustellen seien. In Sachsen beispielsweise wurde diesen Hauseigentümern mitgeteilt: „Sie werden darauf aufmerksam gemacht, daß es Ihnen durch Landesgesetz verboten ist, Ihre Hypothekenzinsen weiterhin an den X in Berlin (bzw. Y in Stuttgart oder Z in Hamburg) zu senden. Ihre erste Hypothek wurde von der VAS (Versicherungsanstalt des Landes Sachsen) übernommen und Sie haben in Zukunft an diese ihre Zinsen zu überweisen. Zahlkarte anbei.“ Das enteignete Hypothekenkapital beläuft sich auf Hunderte von Millionen Mark. Jeder Einspruch der Hausbesitzer wird mit dem Hinweis zurückgewiesen, daß ein Verstoß gegen dieses Landesgesetz die zwangsweise Räumung des Hauses zur Folge haben könne. Damit wird der kommunistische Staat Haupthypothekenbesitzer eines großen Teiles des privaten Hausbesitzes. Durch eine laufende Erhöhung der Grundsteuern und der zusätzlichem Staatsabgaben kommen viele Hauseigentümer bereits jetzt in die Lage, daß sie ihren Hausbesitz aus ihrem Arbeitsaufkommen halten müssen. Durch einen steigenden Lastendruck hat es der Staat damit in der Hand, den Hausbesitz zum finanziellen Ruin zu führen. In diesem Zeitpunkt tritt er als Inhaber der ersten Hypotheken auf und übernimmt den Hausbesitz in eigene Regie. Das System ist diabolisch, und weitschauende Hausbestzer versuchen jetzt, ihren Besitz zu veräußern. Das ist auch der Grund dafür, daß die Dresdner Häusermakler die besten Zins- und Villenbesitzungen für lächerliche Beträge wie 10 000 Ostmark feilbieten, was Beträgen von etwa 3 000 Westmark entspricht.

Die Antastung des kleinen Hausbesitzes durch die sowjetisch diktierte Gesetzgebung der Ostzone bedeutet die letzte Steigerung der progressiven Grundbesitzenteignung, den Untergang des Besitzgedankens innerhalb des Molochs des allmächtigen Staatskapitalismus.