Zum Werk des Malers Friedl ich Ahlers-Hestermann

Der Kunstverein in Hamburg hat in den Erdgeschoßräumen der alten Kunsthalle eine schöne Ausstellung eröffnet. Sie gibt einen Überblick über das Lebenswerk des Hamburger Malen Friedrich Ahlers-Hestermann, der zu unserer Genugtuung entgegen kürzlich umlaufenden Berichten immer noch Direktor der Landeskunstschule ist. Es ist heutzutage kein leichtes Unterfangen, in Deutschland eine solche Ausstellung zustande zu bringen, und das hat sich denn auch bei dieser erwiesen. Viele Bilder des Künstlers sind verbrannt, andere bereits in der Inflationszeit und später durch die Emigration ins Ausland gelangt, andere wieder dadurch unerreichbar geworden, daß sie sich in Berlin befinden. So hat es viel Mühe gekostet, wirklich repräsentative Bilder aus allen Lebensperioden zusammenzubringen. Um so dankbarer können wir für das Resultat sein.

Denn in dem, was an den Wänden der Ausstellung hängt, spiegelt sich – man ist versucht, So sagen: in lehrreicher Weise – die Entwicklung der Kunst von etwa der Leibi-Zeit bis heute. Das beginnt mit den Werken des Neunzehnjährigen ins dem Jahre 1902. Damals regierte in Hamburg in Dingen der Kunst und des Geschmacks Alfred Lichtwark. Es war sein Ehrgeiz, eine Hamburger Malerschule ins Leben zu rufen. Der Maler Siebelist, den er um dessentwillen protegierte, wurde der Lehrer einer Reihe begabter junger Hamburger. Zu ihnen gehörte Friedrich Ahlers-Hestermann. Sehr naturalistisch war diese Lehre, noch ganz im Geiste der Leibi-Zeit: was man in der Natur nicht belegen konnte, durfte auf der Leinwand nicht erscheinen. Und genau so hat auch Ahlers-Hestermann begonnen.

Doch dann kamen die Pariser Jahre, denn Lichtwark hielt darauf, daß die jungen Maler französische Malerei an der Quelle studieren sollten. Erster überragender Eindruck waren die späten Impressionisten, und auch Ahlers-Hestermann malte – ganz klassisch – die Seine bei Meudon. Im Kreise von Wilhelm Uhde, dem großen Kenner und eifrigen Entdecker, machte er den Kampf für Cézanne mit, und in seinen Gemälden aus diesen Jahren ist die Begeisterung für dieses Vorbild nicht zu verkennen. Doch war dies bereits die Zeit, als der große Schritt von der Natur fort gemacht wurde durch den Kubismus Und die Entdeckung des Zöllners Rousseau. Jetzt begann auch Ahlers-Hestermann, sich von der Wengen Herrschaft des in der Natur vorhandenen Vorbildes zu lösen, zunächst auf eine ironische Weise – in Theaterbildern etwa – wie es seiner Gefühlsausbrüchen abholden Natur entspricht, dann immer stärker einer echten geistigen Stralaion zuneigend. Expressionismus, neue Sachlichkeit, die man bei ihm „neuen Geist“ nennen könnte, und auch Surrealismus und Neo-Amtliche haben bei seiner weiteren Entwicklung deutliche Spuren hinterlassen. Und doch, wenn man das Werk übersieht, wirkt es wie eine Einheit. Woher kommt dies?

Wohl, aus zwei echten, wahrhaften und ungetrübten Quellen. Zunächst ist Ahlers-Hestermann vom Ursprung her ein Maler in des Wortes eigenster Bedeutung. Man sehe auf einem seiner frühesten Bilder „Im Gartenpavillon“, wie delikat das blaugestreifte Hemd des einen Mannes gemalt ist. Man staune einmal darüber, welche farbliche Qualität das Gran – immer ein Prüfstein malerischen Könnens – der Leinenschuhe auf dem gleichen Bilde hat, und dann überzeuge man sich davon, daß diese Qualität immer wieder, wechselnd, aber stets nobel, – und keineswegs nur im Grau – fast auf allen Gemälden wiederkehrt. Zum anderen sind sämtliche Gemälde wirklich Bilder im künstlerischen Sinne dieses Wortes. Sie sind gebildet, also gebaut und komponiert; es gibt auf ihnen keine Zufälle, die bei der Arbeit sich ergeben haben und um ihrer Wirkung willen stehengeblieben sind. Das ist es, was man die Wahrhaftigkeit dieser Bilder nennen kann. Sie drückt sich auch noch auf eine andere Weise aus. Eine Landschaft aus Ascona, eine Landschaft aus dem Lahntal und eine vom Niederrhein, die im gleichen Jahr gemalt sind, zeigen zwar den gleichen Stil, aber sind – eben weil dieser Stil echt und keine Manier ist – charakteristisch voneinander nach Farbe, Atmosphäre und Form verschieden. Und die romantischen Bilder, „Erinnerung an einen Fluß“, „Pavillon des Dichters“, „Chopin-Phantasie“, „Der Maler in der Dämmerung“ – um einige zu nenaen, die das Schaffen die Jahre hindurch begleiten wie Pausen ruhevoller Erholung – sind in Form und Farbe bis zum letzten romantisch und gehören im Stil doch zu dem übrigen Werk.

Dies ist es wohl, was diese Ausstellung so erfrischend macht und den Eindruck so einheitlich: Hier zeigt sich Sie alte, ernste künstlerische Tradition – und das ist heute nicht mehr so häufig – daß Kunstwerke nicht nur künstlerische Qualität haben sollen, sondern auch wahrhaftig sein – müssen... Martin Rabe