Die Textil- und Bekleidungswirtschaft befindet sich seit dem Ausgang des letzten Jahres in einer Ausgleichsbewegung. Der Preispendel besann sich auf die Gesetze der Schwerkraft und schlug erstmalig nach der Währungsreform zurück. Die Preisspitzen sind abgeknickt, die Wucherungen verschwinden. Dieser Vorgang ist verschieden stark ausgeprägt von Bezirk zu Bezirk, von Ort zu Ort, von Stufe zu Stufe, von Betrieb zu Betrieb, je nachdem, welche Übersteigerungen sich eingeschlichen hatten. Die Preise, die in ihrer Unausgeglichenheit zeitweilig jede „Norm“ vermissen ließen (selbst in ein und derselben Gattung und Güte gab es Unterschiede von einigen hundert Prozent), streben einer Normalisierung zu. Die Beobachtung lehrt, daß dieser Ausgleich bisweilen mit erheblichen Pendelausschlägen verbunden ist. Heute in es dieses, morgen jenes Geschäft, das den Preis des Konkurrenten in irgendeinem Textil- oder Bekleidungsartikel unterbietet, bis nach Abstoßung des „Schlagers“ oder Ladenhüters eine Gegenbewegung einsetzt, ohne daß die frühere Spitze wieder erreicht wird. Selbst die „Jedermann“-Preise wurden im Wettbewerb angenagt, ein Grund, warum die Verwaltung für Wirtschaft mit Verbrauchergrenzpreisen vorsichtig gewo den ist.

Die Ursachen des Preisausgleichs auf niedrigerem Stande sind verschiedener Art. Keinen Anlaß boten bis? in die jüngste Zeit die Spinnstoffnotierungen der Überscemärkte. Die Hilfsstoffpruse begünstigten eher einen Auftrieb. Auch die Löhne oder Lohnforderungen zeigen eine steigende Richtung. Der Umschwung liegt also nicht in diesen persönlichen und sachlichen Ausgaben begründet, sondern in der Hauptsache in zwei anderen Dingen: einmal in der Kürzung der absolut überzogenen Spannen, zum anderen in der Einsparung oder Abbuchung der irregulären Kosten, die sich in geordneten Zeiten mit schlagkräftigem Wettbewerb kein Fabrik- und Handelsbetrieb zu leisten gewagt hätte.

Der Kaufansturm nach der Währungsreform verleitete oft genug dazu. Halbfabrikate und Fertigwaren zu weit überhöhten Preisen auch aus trüben Quellen zu schöpfen, wenn das regelrechte Angebot versagte. Der vielgliedrige Kettenhandel, zumeist ein anonymes Schiebergewerbe, das keine Skrupel kennt, hatte sich rechtzeitig eingeschaltet, um an dem Mangel gehörig zu verdienen. Was Wunder, daß sich zwischen Fabrik- und Verbraucherpreisen des öfteren eine Kluft von mehreren hundert Prozent auftat und die Auslandspreise weit überboten wurden! Jene unsachlichen Kosten des volkswirtschaftswidrigen Warenverkehrs bauen sich seit der Jahreswende offenbar von selbst wieder ab, da der Verbraucher, der mit knapperen Mitteln haushalten muß, nicht mehr jeden Preis bewilligt. Die Vollstrecker des Preistreibereigesetzes können in ziemlicher Gelassenheit diesem Wandel zuschauen. Mit wachsender Produktion, die aus dem Rohstoffnachschub zu erwarten ist, wird der Kettenhandel „schwarze“ Tage bekommen und voraussichtlich über kurz oder lang vor der Macht der Verhältnisse kapitulieren.

Kein halbwegs vernünftig geleiteter Betrieb wird noch das Wagnis eingehen, sich bei irgendeinem eingeschalteten „Unbekannten“ ins Blaue hinein einzudecken, statt den kürzesten Weg des Warenablaufs unter Vermeidung aller Überpreise zu wählen. Bei den Lieferfirmen ist es umgekehrt das gleiche. Es kommt wieder auf den Ruf an. Es scheint die Zeit des Regellosen, Unausgeglichenen, Unübersichtlichen und Dunklen zu Ende zu gehen. In der Textil- und Bekleidungswirtschaft bildet sich allmählich wieder ein Markt, auf dem auch der Käufer ein deutliches Wörtchen mitzureden hat.

Dieses Umschwenken von der Preisinflation zum möglichen Beginn, eines Deflationsdruckes bedarf genauer Beobachtung vor allem durch die Kreditpolitik. Es gilt vorzusorgen, daß aus ersten Illiquiditätserscheinungen keine wellenartige Wirkung entsteht. Es gibt eine Preisgrenze, die nicht ohne Gefahr unterschritten werden kann; das sind die tatsächlichen Selbstkosten. Werden sie nicht mehr gedeckt, dann beginnt in der Kegel der Substanzschwund. Verlustverkäufe im Außenhandel bedingen einen Ausgleich im Binnengeschäft und Unterpreise für den Stapelartikel einen höheren Gewinn beim Spezialerzeugnis. Das ist ein natürlicher instand, wenn die Schornsteine rauchen und ausreichende Löhne bezahlt werden sollen. Im übrigen muß es sich nach allen Erfahrungen von selbst verstehen, daß sich die Preise der Textil- und Bekleidungswaren auf dem niedrigsten Stande einspielen, der nach den Kosten erträglich ist, daß durch Rationalisierung in Erzeugung und Absatz die Starre mancher Kosten gelöst wird, daß sich der sinkende Anteil der festen Kosten bei hohen Umsätzen bis zum letzten Pfennig in der Preispolitik auszuwirken hat, damit die Reallöhne steigen. Zu alledem bedarf es freilich einer Steuerpolitik, die dem fleißigen und redlichen Unternehmer genügend Anreiz zur vollen Ausnutzung seines Betriebes gewahrt. H. A. N.