Der Sowjetrundfunk und die Leitartikel der Sowjetpresse berichten über einen Moskauer Erlaß von ungewöhnlicher Bedeutung: bis 1965 soll der Südosten des europäischen Rußlands, sollen weite Teile des Schwarzerdegebiets durch Schaffung großer Waldgürtel ein vollkommen neues Gesicht erhalten.

Das Gebiet beginnt im Westen etwa bei Charkow und zieht sich nach Osten über den Fluß Ural bis zur Kirgisensteppe hin. Im Norden beginnt es ungefähr bei Pensa und wird im Süden vom Kaukasus, begrenzt. Die Gesamtfläche wird mit über 120 Millionen ha angegeben: es ist also größer als Frankreich und Deutschland zusammengenommen.

Das Aufforstungsprogramm, als dessen Schöpfer Professor Dokutschajeff genannt wird, sieht u. a. folgende Einzelheiten vor: Auf-beiden Ufern der Wolga, von Saratow bis zum Kaspischen Meer, werden sich in einer Ausdehnung von rund 900 km zwei breite Waldstreifen hinziehen. Im Uralgebiet werden sechs große Waldstreifen in einer Gesamtlänge von 1800 km geschaffen. Ein breiter Waldstreifen wird sich, über 900 km lang, von Woronesch bis Rostow am Don legen, und um Pensa werden Waldgürtel in Längen von 60 bis 600 km angeforstet Außerdem werden kleinere Waldstreifen und -Gürtel in sämtlichen waldarmen Bezirken entstehen, so daß, und das ist die Grundidee des großen Planes, eine Dürre in Zukunft so gut wie ausgeschlossen sein wird. Es werden schnellwachsende Holzarten, Bäume und Busche, verwendet werden. Das Programm wird von 570 Forstzentralen durchgeführt.

Hand in Hand mit der Aufforstung wird im ganzen Gebiet die Grünlandwirtschaft eingeführt; die Brache soll bis 1950 verschwunden sein. Eine weitere Verfügung bestimmt, daß im ganzen Lande „Wasserspeicher“ in Gestalt von Seen, Teichen, Staubecken usw. angelegt werden; für 1949 ist die Fertigstellung von 41 300 solcher Anlagen befohlen. Über 80 000 Kollektivwirtschaften mit über 12 Millionen Menschen werden in den Wirkungskreis des Planes einbezogen; etwa 323 000 ha Sandboden sollen schon im nächsten Jahr urbar gemacht werden.

Die notwendigen langfristigen Kredite sind bereitgestellt; den Ministerpräsidenten der beteiligten Länder sind unmittelbar besondere „Hauptdepartements für Waldschutz“, mit erheblichen Vollmachten, unterstellt worden. Bis 1965 soll auch die vollkommene Mechanisierung der Landwirtschaft durchgeführt, die Viehhaltung erheblich verstärkt und die Berieselung vollendet sein. Auf allen diesen Gebieten haben, wie es heißt, die Arbeiten bereits begonnen.

„Prawda“ und „Iswestija“ begeistern sich für den „gewaltigen strategischen Angriffsplan gegen die Dürre“, nennen ihn eine der kühnsten kulturellen Taten der Geschichte der Menschheit und sehen der Entstehung eines vollkommen neuen gesegneten Schwarzerdelandes mit ungeheuren Möglichkeiten entgegen. Unausgesprochen bleibt vorerst, daß die Inangriffnahme eines solch riesenhaften „Friedenswerkes“ auch ein politisches Faktum darstellt – oder doch wenigstens ein Faktum, das eine politisch-propagandistische Auswertung großen Stils erlaubt. F. D.