Von Rolf Itaiiaander

Was dieses soeben in Frankreich erschienene.Buch „Dictionaire des Girouettes“ angerichtet hat –: man nennt es.Stunk. Es ist eine ebenso boshafte wie verblühende Auswahl von Zitaten berühmter Franzosen nach dem Motto: Was sie vorher, was sie nachher sagten ... Wir meinen: Wenn dieses Buch jedermann lehren könnte, die Phrase zu vermeiden, dann hätte es immerhin auch etwas Gutes angerichtet ...

In Paris ist ein „Dictionaire des Girouettes“ erschienen.Es hat erhebliches Aufsehen erregt, da es sich um eine Sammlung von Aussprüchen von rund 150 bekannten Persönlichkeiten zu Ereignissen aus den letzten zehn Jahren handelt. Der Herausgeber versteckt sich hinter dem Pseudonym „Orion“. Man hat festgestellt, er hätte besser den Decknamen „Damokles“ gewählt...

Es versteht sich, daß die Politiker in diesem „Wörterbuch der Wetterfahnen“ stark vertreten sind. Weder Bidault noch Schuman, Reynaald, Daladier, Thoren oder Herriot werden verschont. Nun ja – so überlegt man – wenn Politiker heute so sprechen, morgen so –: man weiß halt, das verlängt die „Politik“. Aber auch Dichter werden angeprangert. Wie? Diese Auserwählten, die dem Endgültigen, dem Ewigen so nahestehen?

Hier ein paar Zitate von Dichtern, die auch in Deutschland gut bekannt sind. So wetterte Aragon vor dem Kriege: „Mein Vaterland, das ich verabscheue, Frankreich, wo alles mich abstößt, das ich jeden Tag jedem Feind verraten möchte ...“ Unlängst ließ sich der gleiche Aragon so vernehmen: „Frankreich, du mein Stolz, mein liebstes bis zum Tode...“ Eluard, der Freund Picassos, wie Aragon einer der Vorkämpfer des Surrealismus, bekannte einst: „Wir können uns nicht mit jenen käuflichen Propheten abfinden, die unser Volk den Russen in die Arme jagen, ja schlimmer noch, dem Zwingherrn des Kreml untertan machen wollen.“ Eluard heute dagegen: „Vaterland ist ein Wort, das für mich sinnlos ist, wenn ich nicht Rußland meine.“ – Paul Claude! schrieb am Tage nach dem Waffenstillstand von 1940: „Schart euch um den Marschall! O Frankreich, höre auf den alten Mann, der sich gleich einem Vater zu dir hinabbeugt und dir väterlich zuspricht ...“ Der gleiche Claude! nach der Liberation: „Schart euch um unseren General! Mein General, spricht Frankreich, du mein geliebter Sohn!“ Jetzt ist natürlich nicht mehr Petain gemeint, sondern de Gaule.

Auch Francois Mauriac gehört zu den „Wetterfahnen“. Mauriac 1940 über Petain: „Folgt diesem edlen Greis, den uns die Toten von Verden sandten.“ Mauriac 1947: „Niemand kann mich verdächtigen, je mit Vichy sympathisiert zu haben“ 1944 schrieb Mauriac in der „Humanité“ über die Kommunisten: „Was uns trennt, zählt nicht mehr, denn es gibt viel mehr, was uns eint!“ Mauriac drei Jahre später: „Ich sah vom ersten Tag der Befreiung an, daß uns die Kommunisten nur schamlos mißbrauchten!“

Das „Wörterbuch der Wetterfahnen“ ist fraglos eine Sensation. Das Buch hat viele prominente Persönlichkeiten der Politik und des GeisteslebensFrankreichs der Lächerlichkeit preisgegeben. Und zwar zunächst mit solchem Erfolg, daß ein Verleger ähnliche Bücher auch für andere Länder herstellen wollte. (Er hat sogar schon Beziehungen nach Deutschland angeknüpft.) Doch das Interesse ist mittlerweile abgekühlt. Nachdemdie Öffentlichkeit den ersten Schock überwunden, fragt sie sich immer wieder: Was soll das eigentlich? Gibt es heute nicht vordringlichere Aufgaben als die paar Köpfe, die Europa hat, auch noch