Der aus Rußland bestellte Zeuge gab uns eine andere Fassung, indem er die Sache so darstellte, als ob Kravchenko für sich persönlich sechzigtausend Rubel unterschlagen habe und zu zwei Jahren wirklichen Zuchthauses verurteilt worden sei – ein Spruch, den der Kassationshof in der bekannten Milde der Sowjetbehörden human erweise in ein einziges Jahr Zuchthaus abgelindert habe. Aber wo und ob überhaupt Kravchenko dieses Jahr Zuchthaus abgesessen hat, das verrät der Zeuge uns nicht. Muß man sich nicht fragen, was für befremdende Auffassungen im „Paradies der Arbeiter“ Geltung besitzen, wenn dort einer, der sechzigtausend Rubel des mit dem Schweiß der Proleten erzielten Mehrwertes der Arbeit eingesteckt hat, mit einer Gehaltskürzung von 10 Prozent davonkommt und nicht nur nicht aus der Korporation der Ingenieure und aus der Partei ausgeschlossen, sondern sogar sofort auf einen neuen Posten gestellt wird? Denn daß es mit der Bestrafung so gewesen ist, das bezeugt der Sowjetzeuge schließlich selbst und seine Aussage stimmt – freilich nur in diesem einen Punkt – mit Kravchenkos Darstellung des Falles überein. Aber Kolybalow hat noch das Wort. Unfähig sei der Kravchenko gewesen und faul! Zweihundertachtzig Tage „fiktive Dienstreisen“ in einem einzigen Jahr, das habe dieser Volksfeind sich geleistet!

Man zögert, derartiges der westlichen Öffentlichkeit preiszugeben. Denn wenn die Ingenieure in Rußland sich zu ihren schon so hohen Gehältern noch solche Sprünge erlauben können, ohne daß zeitig gegen sie eingeschritten wird, dann werden wir es bald erleben, daß unsere Ingenieure, die keineswegs das Zwanzigfache der Arbeiter verdienen, Schlange vor den Sowjet-Konsulaten stehen oder einfach nach Rußland desertieren, um einen Platz an jener Wunderkrippe zu ergattern, wo es möglich ist, sich zweihundertachtzig Sonntage zu machen statt unserer lumpigen sechsundfün fyjg und obendrein mit der Aussicht, zur Belohnung in Sondermission nach Amerika geschickt zu werden. Denn dies ist dem Zuchthäusler Kravchenko ja widerfahren. Keines europäischen Märchens Fabel kennt einen derart guten Ausgang in der Geschichte eines Bösewichts.

Der im Augenblick vorurteilshafter gestellte Teil des Auditoriums lacht sehr oft während der Aussagen des Zeugen. Kravchenko klopft sich sogar vor Vergnügen auf die Schenkel und seine Anwälte schmunzeln und betrachten den Ingenieur Kolybalow mit unverhohlenem Wohlwollen. Dies hindert sie freilich nicht, ihn zu dem Geständnis zu bringen, daß er Kravchenkos Buch nicht gelesen hat. Während Kolybalow fortfährt, uns die fachliche Untüchtigkeit des „Lügners“ in solch grellen Farben auszumalen, daß man sich diese nur noch als offene Sabotage erklären kann, ohne allerdings zu verstehen, warum man Kravchenko nicht kurzerhand erschossen hat, lacht dieser ohne Unterlaß.

Schließlich erhält er das Wort zur Entgegnung. Dieser Kolybalow, beginnt er, sei gerade der richtige, ihm als Ingenieur am Zeug flicken zu wollen. Nichts als ein Gewerkschaftsbonze sei der Mann, einer von denen, die Reden und Produzieren, politische Gesinnungstüchtigkeit und fachliches Können verwechseln. Solche Leute und der Joseph Stalin, die könnten ihm ...

Das Unaussprechbare wird von Kravchenko keck in den Saal geschmettert, und kein Blitz vom Himmel streckt ihn nieder. Der Zeuge Kolybalow aber ist bei der Lästerung bleich geworden und schreit: „Ich flehe Sie an, erwähnen Sie nicht den Namen meines heißgeliebten Chefs Stalin“ (wörtliche Wiedergabe).

Die unter den Zuhörern, – welchen die Superlative des kommunistischen Wortschatzes nicht geläufig sind, sehen sich zunächst betroffen an, dann platzen sie in ein Gelächter aus, das jenseits des Vorhangs als staatsgefährlich gelten mag. Sollte einer hierzulande so verstiegen sein, von unserem, wegen seiner Rechtschaffenheit so hochgeachteten Staatschef Vincent Auriol zu sagen, daß er ein „heißgeliebter“ und daß sein Name unaussprechlich sei, der Mann würde entweder die Bekanntschaft der Sittenpolizei oder die der Irrenärzte machen. (Vielleicht haben die Ausländer, die uns seit der Erfindung der Vergnügungsreisen vorwerfen, wir hätten kein Gefühl für ihr andersartiges Empfinden, am Ende doch recht!) MaßloseAusbrüche

Das Gelächter, das er ausgelöst hat, scheint den Zeugen rasend zu machen. „In jedem Wort Kravchenkos ist eine Lüge“, schreit er.