Was wird aus Farbenindustrie? Die sogenannte Entflechtung, auf dem Kontrollntsgesetz Nr. 9 beruhend, sollte, so hörte man im Herbst 1948, energisch vorangetrieben werden, und zwar sollte sie in deutsche Hände gelegt werden, wofür der Ausschuß „Fardip“ gebildet wurde. Nach verschiedenen Ernennungen, die von „Bifco“, dem Gegenpol auf der Seite der Alliierten, nicht gebilligt wurden, ist zwar schließlich die Konstituierung doch noch zustande gekommen, aber es scheint, daß einzelne Mitglieder jetzt ihrerseits die Arbeit niederlegen, sei es wegen Überlastung, sei es, weil sie die Aufgabe nicht zu bejahen vermögen. Die Zweifel an der juristischen Fundierung der Entflechtungsaktion sprechen dabei wahrscheinlich ebenso mit wie die Abneigung gegen eine Operation, die in ihren voraussehbaren Ergebnissen als unrationell empfinden wird. Wenn die Amerikaner wünschen, daß sechs oder sieben Dutzend selbständige Firmen an die Stelle der IG. treten sollen, so müßte eine solche Atomisierung unheilvolle Folgen für die Wirtschaftlichkeit eines sehr großen und ausgesprochen ausfuhrwichtigen Zweites unserer chemischen Industrie haben. Das gilt besonders hinsichtlich des nötigen wie auch des möglichen Forschungsaufwandes, der in der Chemie stets die Voraussetzung des Geschäfts von morgen zu. sein pflegt. Aus den Materialien des Nürnberger Prozesses, die bisher unveröffentlicht sind, lassen sich lehrreiche Folgerungen für diese und andere Fragen ziehen, die das Entflechtungsprojekt aufwirft

Umsatzzahlen der IG. sind früher nie bekanntgegeben worden. Im Prozeß wurde der Umsatz mit rund 1 Milliarde RM für 1926 angegeben, für 1932, im Tiefpunkt, auf 876 Mill. RM, Worauf die neue Steigerung einsetzte, die 1943 mit 3,1 Milliarden RM den Höhepunkt brachte. Dabei beschäftigte die IG. 1926 eine Belegschaft van 94 000, 1932 waren es 66 000 und 1943 fast 200 000 Mann. Die jährlichen Aufwendungen für Forschungszwecke betrugen 1926 rund 82 Mill. RM, 1928 aber fast 161 Mill. RM; nachdem der Forschungsaufwand in der Krise zeitheilig bis auf 42 Mill. RM gedrosselt worden war, hob er sich später rasch wieder und pendelte ab 1938 regelmäßig um etwa 100 Mill. RM im Jahr; zeitweise erreichte er bis zu 13 v. H. des Umsatzes. In noch höherem Maße wurde gleichzeitig der freiwillige Sozialaufwand gesteigert: von 35 Mill. RM im Jahre 1926 bis auf 190 Will. RM 1944 – womit die Dividendensumme um mehr als das Doppelte übertroffen wurde, die nur von 66 auf 82 Mill. RM stieg und damit weniger als 3 v. H. des Umsatzes ausmachte, während der freiwillige Sozialaufwand (nicht etwa die gesetzlichen sozialen Leistungen; die ohnehin aufgebracht werden mußten) zeitweise du Zweieinhalbfache der Dividendensumme und bis 7 v. H. des Umsatzes erreichte. In einer Rangordnung des Sozialaufwands, der Forschungsausgaben und der Dividende stand die letztere also ganz hinten, Soziales und der Fortschritt der vorn

Wenn man der IG. einen Vorwurf machen kann, so ist es vielleicht der, daß sie die breite Öffentlichkeit etwas früher über diese Proportionen hätte aufklären sollen – vielleicht wären dann manche Mißverständnisse vermieden worden. Dies gilt auch insofern, als die Gewinnausschüttungen nicht an ein paar „Kapitalisten“ gingen: das Aktienkapital verteilte sich auf rund 400 000 Aktionäre, und es gab kein „Paket“, das mehr als 1,5 v. H. des Kapitals ausgemacht hätte.

Im übrigen wird bei der Würdigung der Großunternehmen in der deutschen Wirtschaft meist verschwiegen, daß es in den angelsächsischen Ländern noch größere „Konzerne“ gibt: die US. Steel, General Motors, die britische I.C.I., Du Pont, die Standard Oil. Was das arbeitende Kapital anlangt, so wechselte die IG. in weitem Abstand von der Standard und der General Motors sowie der US. Steel den letzten und den drittletzten Platz mit der I. C. I. und Du Pont; die größten amerikanischen Konzerne waren, gemessen am Kapital, drei- bis fünfmal so groß wie die IG. Gemessen am Umsatz übertrafen General Motors und US. Steel die IG. um das Vier- bis Fünffache. Nur in bezug auf die Exportzahlen hielt die IG. lange Jahre die Spitze, doch wurde sie schließlich von General Motors überholt. Ganz eindeutig aber war die Spitzenstellung in den sozialen Leistungen (auf Dollar zu 230 RM umgerechnet):

(in Mill. Dollar) IG. US. Steel Du Pont

1932 18,1 11,4?

1939 51,2 12,9 21,0