Politische Krisen sind Gesundungs- oder Niedergangskrisen. Die Zentrumspartei befindet sich offensichtlich in einer Krise des Niedergangs. Wenn ein so großer Teil der Parteiführung die politische Aufgabe der Partei für fragwürdig zu halten beginnt wie soll dann das Vertrauen der kleinen Parteianhänger erhalten oder neu gewonnen werden? Hier ging dem Zentrum ein Kredit verloren, der durch keine Propaganda wiedergewonnen werden kann, selbst wenn die Parteikassen, was sie bekanntlich nicht sind, voll wären. Dr. Spiecker, „Vorsitzender der Partei, einer ihrer Gründer und zweifellos eine sehr repräsentative, wenn nicht die stärkste Figur der Partei, wird, nachdem er nach der Abstimmung In Oberhausen den Vorsitz niedergelegt hatte, aus der Partei ausgeschlossen. Von den vier Mitgliedern des Zentrums im Wirtschaftsrat kehren drei der Partei den Rücken und schließen sich der CDU an: Dr. Burghartz, Hoogen und Jakob. Ihr Beispiel wird in den mittleren und unteren Schichten der Parteiführung nachgeahmt.

Aber nicht weniger als diese Zersetzungserscheinungen bedrohen andere Vorgänge die Existenz der Partei. Der neue Parteivorsitzende, Dr. Stricker, hat sich zu bedauerlichen Handlungen hinreißen lassen. Er trug den Streit – und das wird ihm auch bei den orthodoxesten Parteianhängern schaden – vor die Besatzungsmacht. Er wandte sich, und zwar mehrmals,“ schriftlich an deren Repräsentanten (an den Militärgouverneur von Nordrhein-Westfalen, General Bishop) und verlangte, was ein Deutscher in keiner politischen Situation von dieser Instanz verlangen darf: daß die Militärregierung den abtrünnigen Abgeordneten die Mandate, auf die sie nicht freiwillig verzichten wollten, und Dr. Spiecker die Lizenz für die „Rhein-Ruhr-Zeitung“ entziehen solle, obwohl doch die Lizenzierungsbefugnis inzwischen auf deutsche Stellen überging. Wir wollen mit der Verurteilung dieses Appells nicht nationalen Sentiments das Wort reden. Es geht hier um politische Spielregeln, die, wenigstens in der Demokratie, in allen Lagern anerkannt werden, Wer diesen politischen Takt ignoriert, verliert auch bei denen sein Ansehen, von denen er eine Unterstützung erhofft. Man kann sich diese Entgleisung eines Mannes, der im Wirtschaftsrat in mancher heiklen oder überspitzten Situation geradezu als die Verkörperung des gesunden Menschenverstandes erschien, schwer erklären.

Die Anfänge der Krise in der Zentrumspartei liegen weit zurück. Der erste und nicht unwichtigste Impuls war wohl enttäuschter Ehrgeiz. Die Zentrumspartei hatte sich bei ihrer Gründung eine anspruchsvolle Aufgabe gestellt. Sie wollte, wie einst das alte Zentrum, Bindeglied seinzwischen rechts und links, Zünglein an der Waage der politischen und sozialen Spannungen. Beschwingt von dieser Zielsetzung, lehnten es die Gründer der Partei ab, sich der damals ebenfalls in Gründung begriffenen CDU anzuschließen, so weit und so freundlich ihnen auch alte Parteifreunde die Tore geöffnet hatten. Sie hielten die CDU für ein widerspruchsvolles politisches Gebilde, von dessen rechtem Flügel sie eine Gefährdung ihres Sozialprogramms befürchteten. Sie hörten nicht auf den Rat Dr. Brünings, der vor der Wiederbelebung der Zentrumspartei warnte, und so brachten sie ein blutarmes, lebensschwaches Kind zur Welt, das nicht recht wachsen wollte und daher auf den Streit der Großen so gut wiekeinen Einfluß nehmen konnte. Die Partei blieb mehr oder weniger auf Nordrhein-Westfalen beschränkt. Aber gerade dort war nach der Meinung der jetzt abtrünnigen Parteiführer der politische Wettstreit mit der CDU wenig sinnvoll, Weil diese in Nordrhein-Westfalen ideologisch dem Zentrum sehr nahe, steht. Nun entwickelt aber der politische Kleinkrieg, je länger er dauert, seine eigenen Gesetze und ein kleiner Dorfparteiführer setzt lieber Tod und Hölle in Bewegung, als daß er sich dem bis dahin so bitter befehdeten Führer einer anderen Partei unterstellen würde. Das ist. wohl der tiefere Grund für das negative Abstimmungsergebnis auf dem Delegiertentag in Oberhausen über die Fusion von Zentrum und CDU. Lange schon waren zwischen beiden Parteien Fusionsfäden gesponnen worden. Und es war gewiß nicht nur Dr. Spiecker allein, der die Verschmelzung der beiden Parteien befürwortete. Auch Dr. Stricker und andere Parteivertreter waren offensichtlich der Meinung, daß sie in der CDU wirkungsvoller für ihre politische Konzeption arbeiten könnten als in der gewichtslosen Zentrumspartei. Man wirft Dr. Spiecker Opportunismus vor und behauptet, er hätte auch mit der SPD über eine Fusion verhandelt, wenn er sich davon Erfolg versprochen hätte. Spiecker ließ sich zweifellos von Erwägungen der politischen Zweckmäßigkeit leiten. Die schicksalhaften Entscheidungen, die der Zusammenschluß Europas auch uns in Deutschland auferlegen wird, dürfen nach seiner Meinung nicht mit einer knappen Mehrheit von 52 oder 54 Prozent getroffen werden. Deshalb plädiert er für eine Koalition zwischen CDU und SPD. Und er möchte bei diesen Entscheidungen dabei sein, nicht einflußlos abseits stehen. Auch die von ihm früher so eifrig angestrebte Gründung einer „Partei der Mitte“ hätte diesem politischen Ziele dienen sollen.

Spieckers Linie war Dr. Stricker durchaus bekannt. Er wußte von den Fusionsbesprechungen mit Ministerpräsident Arnold und Dr. Adenauer, und er billigte sie auch. Aber als er dann die Opposition der vielen an Posten und Traditionen hängenden Parteileute sah, wandte er sich von Dr. Spiecker und den anderen Fusionsanhängern ab. In Frankfurter politischen Kreisen spöttelt man, Dr. Adenauer habe ein gutes Geschäft gemacht: er habe dem Zentrum den Kopf abgehackt, und nun brauche er nicht einmal mehr den Preis zu bezahlen, den er sich die Fusion früher durch die Subventionierung der „Rhein-Ruhr-Zeitung“ hätte kosten lassen wollen. Was für Chancen kann man dem Zentrum, wenn es mit eigenen Kandidaten in die Parlamentswahlengeht, bei diesen zentrifugal auseinanderstrebenden Tendenzen seiner Führung geben? Dazu kommen die finanziellen Nöte. Eine Weltanschauung, die nicht einmal ihre Bürospesen einbringt, büßt den Elan ein (vorausgesetzt, daß sie ihn überhaupt hatte). Die Epigonen, die den alten Zentrumssturm neu aufbauen wollten, hatten weder Glück noch Geschick. Es ist ihnen nicht einmal gelungen, tragfähige Fundamente zu legen. R. S.