Die entscheidende Rolle der Gebrauchtfahrzeuge

Der Markt für gebrauchte Kraftfahrzeuge ist in den letzten Jahren völlig in Verwirrung geraten. ‚Man zahlt für die ältesten „Schlitten“ geradezu unwahrscheinliche Summen; fragwürdige Gestalten drängen sich in das Geschäft, treiben im Kettenhandel die Preise weiter hoch – und der anständige Geschäftsmann, für den heute mehr denn je Zeit gleich Geld ist, und der deshalb dringend einen Wagen braucht, ist der Benachteiligte. Der freie Markt ist sicher die Ideale Lösung, und in der „Friedenswirtschaft“ – ohne Produktionsbeschränkungen – bildet sich aus Angebot und Nachfrage im allgemeinen auch ein gerechter Preis. Wo aber das Angebot So hoffnungslos hinter der Nachfrage herhinkt, wie heute (und auf absehbare Zeit) beim Kraftfahrzeug, wirkt die freie Preisbildung häufig wirtschaftshemmend.

Wie sieht es denn auf der Produktionsseite aus? Die Kraftfahrzeugindustrie in den Westzonen hat in den letzten Jahren beachtliche Anstrengungen gemacht. -Trotzdem bleibt die Gesamterzeugung, verglichen mit den Stückzahlen vor dem Kriege, minimal, und sie wird noch für lange Zeit nicht annähernd ausreichen, die Nachfrage zu befriedigen. Die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage spiegelt sich in den ungewöhnlich langen Lieferterminen, die alle Werke fordern.

Unter-diesen Umständen spielt der gebrauchte Wagen noch auf lange hinaus eine entscheidende Rolle. Für Kraftfahrzeuge aus der Neuproduktion sind die Preise von der Industrie so festgesetzt worden, wie sie den gestiegenen Materialpfeisen und den sonstigen Unkosten, entsprechen. Die Preise für gebrauchte Kraftfahrzeuge müßten sich eigentlich an den Neupreisen orientieren, per Verkauf gebrauchter Kraftfahrzeuge unterliegt aber seit Aufhebung der Preisstopp-Bestimmungen und des Schätzungszwangs, keiner wie immer gearteten Regelung. So ist es dazu gekommen, daß für einen gebrauchten Wagen heute vielfach das Doppelte des Preises verlangt und bezahlt wird, der für den gleichen Typ ab Fabrik gefordert wird. Was ist dabei größer: die Frechheit des Verkäufers – oder die Dummheit des Käufers?

Dabei ist ein Gesichtspunkt noch gar nicht berücksichtigt: entscheidend für die Preisbildung beim gebrauchten Kraftfahrzeug ist nicht nur das Verhältnis von Angebot und Nachfrage, sondern viel mehr noch der jeweilige technische Zustand des Fahrzeugs selbst. Es ist ja schließlich ein Unterschied, ob ein Wagen 100 000 Kilometer gelaufen ist und dabei regelmäßig gepflegt, gewartet und repariert wurde, oder ob er nach 50 000 Kilometern rücksichtsloser Behandlung am Ende seines Daseins angelangt ist. Die Frage, wieviel Fahrkilometer ein Kraftfahrzeug hinter sich hat, in welchem Pflegezustand es sich befindet, welche technischen Mängel es aufweist, welche Reparaturen notwendig oder in Kürze zu erwarten sind, alle diese Dinge müssen ja bei der Festsetzung des Preises eine Rolle spielen. Aber man hat den Eindruck,, daß viele Käufer von gebrauchten Wagen heute davon, zu ihrem Schaden, gar nichts wissen wollen, und in dem Bestreben, unter allen Umständen zu einem „fahrbaren Untersatz“ zu kommen, bereit sind, zu einem hohen Kaufpreis noch weitere Kosten und viel Ärger durch nachträgliche Reparaturen hinzunehmen. So kommt es zu den ungesunden Verhältnissen, wie wir sie heute haben, zu den Streitigkeiten, die dann nachher die Behörden und die Gerichte beschäftigen.

Man könnte-sich auf den Standpunkt stellen, daß in einer freien Wirtschaft „jeder auf sich selbst aufpassen“ sollte, und daß derjenige; der sich übers Ohr hauen läßt, eben auch die Folgen zu tragen habe. Demgegenüber ist einzuwenden, daß die Öffentlichkeit ein Interesse daran hat. die Ausnutzung der Notlage und der Unerfahrenheit ihrer Mitbürger zu verhindern, daß die maßlosen Preissteigerungen auf dem Gebrauchtwagenmarkt zu Fehlinvestitionen und Kapitalverlusten führen, und daß ferner die Gesamtheit der Kraftfahrer dafür sorgen müßte, daß auch auf diesem Teilgebiet Ordnung und Sauberkeit herrschen. Denn die Freiheit hört ja auch nach demokratischer Auffassung da auf, wo sie zum Schaden des Nebenmenschen gehandhabt wird.

Wo also soll man den Hebel ansetzen, um die Dinge in Ordnung zu bringen? Wir erinnern uns noch der Jahre 1928 bis 1930, als der gebrauchte Wagen ebenfalls ein Sorgenkind der Fachwelt war, wenn auch in anderem Sinne. Damals war es üblich, bei jedem Kauf eines neuen Wagens einen alten in Zahlung zu geben, und da damals der Kunde am längeren Hebel saß, versuchte er, den Anrechnungspreis so hoch wie möglich zu schrauben. Aber die Kehrseite der Medaille war, daß der Händler, der ja für den neuen. Wagen auch noch den Kundendienst durchführen sollte, mehr und mehr notleidend wurde. So kam es zu einer völligen Zerrüttung des Marktes; Konkurse waren an der Tagesordnung und den Schaden hatte letzten Endes doch der Kraftfahrer zu bezahlen.