Die überraschend schnelle und in der Deputiertenkammer sogar nahezu ohne Gegenstimmen erfolgte Annahme des großen brasilianischen Fünfjahresplanes wirft ein bezeichnendes Licht auf die wirtschaftlichen Verhältnisse und die politische Situation in der größter, unter den zwanzig lateinamerikanischen Republiken. Noch im vergangenen Jahre hatten beide Häuser des brasilianischen Kongresses monatelang verhandelt, bis dann am Ende der Sitzungsperiode der große Plan, welcher die wirtschaftliche Gesundung und Unabhängigkeit Brasiliens zum Ziele hatte, doch nicht die erforderliche Stimmenzahl erhielt. Der Einfluß der Kreise, die eine straffe Zusammenfassung aller der Nation innewohnenden Kräfte forderten, um einen Ausgleich zu schaffen zwischen den sagenhaften Kriegsgewinnen einzelner und der nahezu unbeschreiblichen Not der Masse des Volkes, hatte offensichtlich nicht ausgereicht, um das Milliardenprogramm durchzusetzen.

Inzwischen aber hat Präsident Dutra, Nachfolger, Schwiegersohn und intimster Freund des 1945 „gestürzten“ Diktators Getulio Vargas, energisch durchgegriffen. Obwohl sich die brasilianischen Hoffnungen auf Dollargewinne aus Marshallplanlieferungen nicht erfüllt hatten, gab General Dutra dennoch die Hoffnung nicht auf, daß Brasilien sich auch aus eigener Kraft wieder emporarbeiten könnte? Während der Kongreß noch tagte, verhängte er daher zunächst eine scharfe Außenhandelskontrolle und forderte gleichzeitig das brasilianische Volk auf, alle nur möglichen Anstrengungen zu machen, um die Produktion an Verbrauchsgutem soweit wie irgend möglich zu erhöhen.

Dutra war sich von Anbeginn darüber klar, daß diese Maßnahmen zu einer empfindlichen Beeinträchtigung des in Zeiten großer Importe herzlichen Verhältnisses mit den USA führen mußten. Sollten sie daher überhaupt eines Tages von Erfolg gekrönt werden, so mußte man unverzüglich die unermeßlichen und Zumeist noch völlig unerforschten Hilfsquellen des Landes erschließen. Präsident Dutra berief daher die beiden Häuser des Kongresses zu einer Sondersitzung, um den SALTE-Plan, Brasiliens New Deal, der nochmaligen Aufmerksamkeit seiner Volksvertreter zu empfehlen. Und er hat sich nicht getäuscht. Mit geringen Abweichungen, welche die Gesamtsumme nur um etwa 50 Millionen Dollar herabsetzen, hat der Plan binnen weniger Tage einen triumphalen Sieg errungen.

In seinen Hauptteilen (Saúde, Alimentos, Transporte, Energia), deren Anfangsbuchstaben ihm auch seinen Namen geben, soll der SALTE-Plan die Volkshygiene, eines der wichtigsten Probleme tropischer Länder, verbessern und die Erzeugung von Nahrungsmitteln wieder auf einen Stand bringen, welcher Brasilien von der drückenden Milliardenlast seiner Nahrungsmittelimporte befreit. Im Transportwesen sollen die Voraussetzungen geschaffen werden, um später ein Zwei – Milliarden – Dollar – Projekt verwirklichen zu können, das auch die entferntesten Teile des Landes dem modernen Verkehr erschließt. Grundlage aller dieser Arbeiten wird der großzügige Ausbau der heute nur zu einem Hundertstel ausgenutzten Energiereserven sein.

Der SALTE-Plan sieht 187 Milliarden Cruzeiros (1 Mrd. Dollar) für diese Arbeiten vor. Über zehn Milliarden wird der Staat selbst aufbringen, zwei Milliarden steuert die Banco do Brasil aus in- und ausländischen Guthaben bei. Der Rest aber soll durch eine siebenprozentige innerbrasilianische „Anleihe und durch von der Regierung getätigte Kaffeeverkäufe aufgebracht werden. Dutra hat bewußt die Beteiligung ausländischen Kapitals abgelehnt. Daß er ihr generell nicht feindlich gegenübersteht, hat die Aufnahme von Anleihen bei der Weltbank und verschiedenen kanadischen Gesellschaften gezeigt, die für ein den eigentlichen SALTE-Plan ergänzendes Erweiterungsprogramm der Energiewirtschaft später bis zu 500 Millionen Dollar bereitstellen werden. Im gegenwärtigen Stadium aber, in dem es darum geht, daß Brasilien überhaupt erst einmal sich eine nationale Wirtschaft aufbaut, will Dutra es nicht verantworten, sein Land in noch stärkerem Maße an den Dollar zu binden, als dies durch die Politik der vergangenen Jahre ohnehin bereits geschehen ist. In dieser Meinung ist er durch den Kongreß noch bestärkt worden, indem dieser in einer einstimmig gefaßten Resolution erklärte, lieber die Gesamtsumme kürzen zu wollen, als die nationalen Interessen des brasilianischen Volkes, die Ge-Interessen seiner Wirtschaft und die Sicherung eines angemessenen Lebensstandards den Interessen des ausländischen Kapitals zu opfern.

Zweifellos wird das 50-Millionen-Volk erhebliche Schwierigkeiten zu überwinden haben, bevor dieses Ziel erreicht werden kann. Die Nachkriegsjahre haben aber eine ständig wachsende Zahl von Brasilianern erkennen lassen, daß ihr Land nur durch eigene Arbeit die Folgen einer durch den Krieg hervorgerufenen Scheinblüte wird beseitigen können. H. J. Horch