Shanghai, im März

Es gibt in Shanghai unendlich viele Kaufleute, prozentual zur Gesamtbevölkerung wahrscheinlich mehr als in irgendeiner anderen Großstadt der Welt. Jeder Chinese spielt leidenschaftlich gern am Roulette der hier jederzeit wildwirbelnden Preise. Von einer Wirtschaft im eigentlichen Sinn des Wortes kann man heute aber nicht sprechen. Man kennt seit Jahren nur noch eine große Mißwirtschaft. Vor bald fünfzehn Jahren gab China seine altgewohnte Silberwährung auf, so blieb nur Papiergeld im Umlauf, und seitdem verfällt der Chinadollar. Anfangs ging es langsam, aber allmählich wurde das Tempo immer rascher. Zeitweise Stützungsversuche scheiterten stets am gesunden Mißtrauen des Volkes gegen mangelhaft gedeckte Noten.

Im August 1948 wurden mit einer letzten großen Güte im ganzen nationalistischem China die Papier-Billionen eingezogen und eine neue Einheit, der Gold-Yuan geschaffen. Für 3 Millionen alte Dollar gab es einen neuen Yuan. Unter Androhung schwerster Strafen wurde die Bevölkerung aufgefordert, Gold, fremde Devisen und die längst außer Kurs gesetzten noch meist bei den Bauern versteckten alten Silbermünzen abzuliefern.

Die Regierung sicherte zu, daß sie nicht mehr Noten ausgeben würde, als Deckung vorhanden sei. Ein gleichzeitig erlassenes Preisstopp-Gesetz sollte der großen Reformmaßnahme noch besonderen Nachdruck verleihen. Täglich verkündete die Presse, daß nach dem 1. Oktober Haussuchungen gehalten würden. Alles dann noch entdeckte Gold und Silbergeld werde beschlagnahmt werden, und in schweren Fällen würden die Horter ins Zuchthaus wandern. Denunzianten wurde bis zu 50 v. H. des Wertes der entdeckten Schätze versprochen. Trotzdem machten die Ablieferungen nur kümmerliche Fortschritte und am 30. September errechneten die Sachverständigen, daß nur ein verschwindend kleiner Teil der vermuteten Devisen herausgekommen sei. Am 1. Oktober verkündete die Morgenpresse, daß die Frist um einen Monat verlängert worden sei, da die Landbevölkerung nicht genug Zeit gehabt habe, um nach den Städten mit Großbank-Filialen zu reisen. Anscheinend war es die Bekanntgabe dieses Mißerfolges, die im Augenblick das so schon geringe Vertrauen in den Yuan untergrub. Jedenfalls war von dem Tag an kein Halten mehr, und kein Chinese dachte daran, auch noch seine Auslandsguthaben anzugeben und der Staatsbank zur Verfügung zu stellen. Mitte Februar Wurden für einen amerikanischen Dollar nicht wie ursprünglich vorgesehen, vier, sondern eintausenddreihundert Yuan gegeben. Alle Warenpreise waren entsprechend oder noch viel stärker gestiegen.

Nach dem siegreichen Einzug der Nationalisten im Herbst 1945 war Shanghai ein herrlicher, wenig wählerischer Markt für Luxuswaren jeder Art geworden. Man träumte bereits von einer gesiegelten Versorgung des ganzen Reiches über den Hafen Shanghai. Nach dem ersten Freudenrausch jedoch machte sich die Geldentwertung bemerkbar. Infolge des Bürgerkrieges stockte auch die Anlieferung der Landesprodukte für den Export. Die Einfuhrzölle wurden immer schärfer gestaffelt und schließlich wurde der Import von Luxusgütern ganz verboten. Die mußten dann recht umständlich von Hongkong her eingeschmuggelt werden, was die Sache so verteuerte, daß die Nachfrage zurückging, und der Boom sein natürliches Ende fand. Die Regierung entschloß sich nur sehr ungern ihre Hilflosigkeit der steigenden Inflation gegenüber zuzugeben. Sie veröffentlichte offizielle Devisenkurse und forderte, daß jedes Auslandsgeschäft durch die Bank von China kontrolliert würde. Die offiziellen Kurse hinkten bedeutend nach, und da die Notierungen für Borsten, Tee, Holzöl, Haarnetze und überhaupt alle Stapelartikel sich nur nach dem schwarzen Devisenkurs richten, wurde Chinaware viel zu teuer. Einen gewissen Erfolg hatte der spätere Versuch, mit sogenannten handelbaren Dollarzertifikaten einen Ausgleich zwischen Exporteuren und Importeuren zu schaffen. Seit etwa einem Jahr stellt die Bank von China statt anfallender Devisen dem Exporteur diese Gutscheine aus, mit denen lebensnotwendige Rohmaterialien und Maschinen bezogen werden können.

Inzwischen fehlt aber dem großen Umschlagplatz Shanghai jeglicher Absatz ins Hinterland. Alle Verbindungen sind durch die heranrückenden Nordarmeen abgeschnitten. Im Moment ist jeder Versuch, den Großhandel zu regeln, schon im Keime zum Tode verurteilt. Vergeblich versucht die schwache unentschlossene Regierung, mit sich dauernd widersprechenden Verordnungen eine gewisse Form in das Chaos zu bringen. Der Mann auf der Straße, der wenigstens etwas Bargeld retten möchte, hamstert Gold, Devisen und Silbermünzen. Im Moment wird die Unze Feingold hier mit 60 amerikanischen Dollar bezahlt. Die handelsübliche Form ist der vierkantige Riegel mit dem eingeprägten Stempel einer guten Bank oder eines angesehenen Juweliers. (Leider ist das Gewicht aber so groß, daß es auf der Flucht schwer am Körper zu verstecken ist. Gut erhaltene alte Silbermünzen mit dem Bildnis des Präsidenten Yuan Shikai sind besonders geschätzt und werden heute teurer als amerikanische Noten bezahlt. Stücke mit Tschiang Kaischecks Kopf sind nicht sehr beliebt; man fürchtet, daß die neuen Herren sie nicht gern sehen werden.

Selbstredend ist der schwarze Markt streng verboten, aber ein jeder kennt die bestimmten lebhaften Straßenkreuzungen, wo der Handel blüht. Dort bummeln Burschen herum, die ihre Schätze in einem breiten Stoffgürtel unter dem langen chinesischen Baumwollrock wohlverwahrt tragen. Im Flüsterton bieten sie ihre Werte an. Die Spanne von 5 v. H. zwischen Kauf und Verkauf ist erstaunlich gering, wenn man das Risiko bedenkt. Die Polizisten Shanghais sind elend bezahlt. Rasch wird eine Streife geschickt, einhalb Dutzend Händler werden gegriffen und abgeführt, was sie bei sich tragen, wird auf der Wache beschlagnahmt; häufig muß der Verhaftete noch weiteres Geld herbeischaffen, um sich vor dem Gefängnis zu retten.