Eine belgische Zeitung – „Le Soir“ – bestätigt uns Deutschen im voraus und uneingeschränkt, daß Proteste, die wir gegen die Grenzregulierungen im Westen etwa erheben könnten, ein Zeichen unveränderter nationalistischer Gesinnung sein würden. „Diese Proteste deutscher Demokraten vom Schlage Dr. Schumachers“, so heißt es dort, „zeigen uns, daß der deutsche Nationalismus noch nicht tot ist. Wir hoffen, daß unsere großen Alliierten sich durch diese Renommisten von jenseits des Rheines nicht einschüchtern lassen. Gleichgültig, zu welcher Partei sie gehören, sie versuchen wieder Großdeutschland aufzurichten, ebenso wie der Kaiser und Hitler es taten.“ Nun, leider kann man über solch unüberlegtes Geschwätz nicht zur Tagesordnung übergehen, denn, was diese Zeitung schreibt, ist ja nichts als ein Versuch, die gewaltsamen Grenzregelungen zu verteidigen, um die sich die Regierungen unserer westlichen Nachbarn bemühen.

Es ist uns hier – wir stellen dies ausdrücklich fest – nicht gleichgültig, ob man uns im Ausland wieder einmal leichtfertig und ungerechterweise als nationalistisch anprangern wird, aber es gibt nun einmal Verantwortungen, denen man sich nicht entziehen kann, auch wenn man weiß, daß man Gefahr läuft, mißdeutet zu werden. Und dazu gehört ohne Zweifel, daß wir auf die Folgen, aufmerksam machen, die entstehen müssen, wenn die geplanten Landabtretungen erst einmal gewaltsam durchgeführt sein werden. Es handelt sich Ja nicht um abstrakte Verschiebungen von Linien auf einer Landkarte, sondern um einen Eingriff in die persönliche Freiheit ein-Seiner Menschen, und dringend nötig ist es, sich hierüber an Hand der tatsächlichen Verhältnisse klar zu werden. Um die bereits heute irritierte belgische Zeitung nicht unnötig zu reizen, wählen wir hierzu ein Beispiel von der holländischen Grenze, und dies mit um so besserer Begründung, als in Holland starke Kräfte gegen jede Abtretung deutschen Bodens wirksam sind – wir verzeichnen mit großem Dank die Tatsache, daß in der vergangenen Woche die holländischen Sozialisten Einspruch erhoben haben, daß deutscher Boden an Holland abgetreten werde.

Da ist also – dieses Beispiel wollen wir wählen – am Niederrhein die deutsche Stadt Emmerich, die letzte vor der holländischen Grenze und wohl die am meisten zerstörte von ganz Deutschland – 97 vom Hundert ihrer Wohnungen wurden nach Kriegsende als vernichtet gezählt. Dort hat es immer verhältnismäßig viel Industrie gegeben, und viele Menschen, die in der Umgebung wohnen, haben ihr Brot in Emmerich in den Fabriken verdient, die heute, weil ihre Eisen- und Betonbauten den Bomben besser standgehalten haben, zum großen Teil schon wieder in vollem Betrieb sind. Jetzt auf einmal soll die Grenze bei Elten nach Deutschland vorgeschoben werden. In dem beanspruchten Gebiet, das zwischen 3500 und 4000 Einwohner hat, leben auch Ausgebombte aus Emmerich, und ein großer Teil der übrigen Bewohner ist es gewohnt, in dieser Stadt zu arbeiten. Diese in vielen hundert Jahren entwickelte natürliche Verbindung soll nun mit einem Federstrich zerrissen werden. Die Bewohner des Gebietes von der Grenze bis zum Viltbach will man auf einmal aus mißliebigen Deutschen zu gleichberechtigten Holländern machen, nur, um die Grenze zu begradigen und Zollwächter zu sparen, und niemand fragt, ob sie sich selber nicht als Deutsche fühlen. Verwandte Und Freunde will man durch eine Grenze trennen. In Holland werden die neuen Staatsbürger keine Arbeit haben, in Emmerich werden dann die Räder der Fabriken stillstehen. Und der Hohenelten mit seiner alten Stiftskirche, ein Wahrzeichen der Gegend, ein Ausflugsort für die Anwohner des Niederrheins bis hin nach Köln, könnte in Zukunft zu einem Denkmal des Völkerhasses werden, zu einer verbitternden. Erinnerung an eine Zeit, da viele Deutsche auf Versöhnung hofften.

Dieses einfache Beispiel zeigt: es ist gewiß kein Nationalismus, wenn wir warnend unsere Stimme gegen die beabsichtigten Grenzänderungen erheben. Man hat offenbar im europäischen Westen immer noch nicht begriffen, was eigentlich heute auf dem Spiel steht. Die Sowjetrussen haben den Demokratien gerade wieder eine Ohrfeige erteilt in einer Angelegenheit, die für uns unbeschreiblich schmerzlich ist, und die westlichen Großmächte werden diese Ohrfeige wohl schweigend einstecken müssen. Ungeachtet der Noten, die die Westmächte nach Moskau geschickt und veröffentlicht haben, hat der Kreml augenscheinlich die deutschen Kriegsgefangenen gezwungen, freiwillige Arbeitsverträge abzuschließen. Er beruft sich hier auf ein Beispiel, das ihm demokratische Länder gegeben hätten. Was eigentlich erwartet man, daß der Kreml nunmehr sich ausdenken wird, wenn im Westen deutsches Land und deutsche Menschen gewaltmäßig in fremdes Eigentum überführt werden? Was eigentlich verlangt man von uns, daß wir jenen erwidern sollen, die in Deutschland der Demokratie und ihren Idealen skeptisch gegenüberstehen, wenn sie uns fragen, ob denn die Grenzregelungen im Westen nicht die von der UNO verkündeten Menschenrechte verletzen? Und können wir ehrlicherweise denen widersprechen, – die sagen, es sei der Sinn der Geschichte, daß die Nationen untergehen, die gedankenlos, leichtfertig oder bewußt ihre Ideale verraten? R. T.