Erzählung von Rolf Brandt

Die Tamara war Tänzerin in der alten russischen Zeit, also noch im kaiserlichen Ballett in Petersburg. Sie flüchtete vor nunmehr zwei Dezennien nach Kiew. Sie flüchtete mit ein paar Brillanten nach der französischen Riviera, sie flüchtete, nun schon eine alte Frau, nach einem süddeutschen ehemaligen Residenzstädtchen und gab dort Tanzunterricht, wie sie es schon an der Riviera in Cannes getan hatte. In dem sehr alten, nun fast strengen Gesicht unter schneeweißen Haaren aber funkeln noch immer ihre schwarzen lebhaften Augen, die soviel von der Welt Glück und Leid gesehen haben. Die Tamara erzählt, wobei sie genau wie vor einem Menschenalter mit zauberhaften Handbewegungen eine Papyros raucht, die Geschichte des kleinen russischen Leutnants, den sie in ihrer Jugend geliebt hat. Es ist eine verklungene Geschichte und es ist eine traurige Geschichte, aber sie beleuchtet ein Zeitalter, eine Entwicklung, deren Ende wir alle noch nicht erlebt haben.

„Ich war einmal in Warschau, ich tanzte dort ein Gastspiel. Da war ein kleiner russischer Leutnant. Er hatte gar nichts Besonderes an sich. Er stand da in Nowogeorgiewsk. Ach, er lag in einem der Dörfer. Er spielte mit den Kameraden, er trank unseren Wodka – Sie wissen, den Monopolbranntwein –, er war an dem Geburtstag des Zaren und zu den übrigen Festen betrunken. Er war ein reizender braver Mann, er wollte gar nichts anderes sein als Durchschnitt. Er hatte helle Augen. Lustige Augen. Doch eine kleine Liebhaberei hatte er. Er schätzte gutes Schuhwerk bei den Frauen und bei sich selbst. Er trug die elegantesten Stiefel des Linienregiments, vielleicht die elegantesten Stiefel, die es um diese Zeit überhaupt gab. Können Sie verstehen, daß mir zuerst seine Stiefel auffielen?

Der kleine Leutnant ging damals in den Krieg, trug gut genähte Juchtenstiefel und“ – die alte Dame, die Tamara, machte eine Bewegung mit ihrer immer noch schönen Hand – „er trug in der Brusttasche auch mein Bild. Er marschierte auf den Landstraßen, er lag im Graben, er bekam das Georgskreuz. Er focht in Litauen, in Polen, in der Dobrudscha.

Eines Tages, als man den Major und den Hauptmann erschossen hatte, floh er nach der Krim, weil ein paar Kameraden auch dorthin gingen. Nach Jalta natürlich. Die Matrosen von Sewastopol kamen nach Jalta. Wissen Sie, der kleine Leutnant saß im Strandkasino und die Damenkapelle spielte: ‚It’s a long way to Tipperary.‘

Da kamen die Matrosen in das Kasino. ‚Wißt ihr Schweinehunde nicht, daß es verboten ist, Alkohol zu trinken?‘ sagten sie. Der polnische Graf Tischnowski, der nach seinem Revolver griff, wurde mit dem Kolben niedergeschlagen. Die andern führte man hinaus. ‚Man braucht so wenigstens nicht zu bezahlen‘, sagte der georgische Prinz, dessen Vater halb Tiflis verspielt hatte. ,Halt dein Maul, du bezahlst schon!‘ schrie ihn ein Matrose an und gab ihm einen Kolbenstoß, daß er taumelte. ‚Dabei habe ich fast nichts getrunken‘, entschuldigte der Prinz sein Torkeln. ‚Du bist eine spaßhafte Bestie‘, sagte der lettische Matrose, der die Rotte führte.

Dann gab er einen Befehl. Die Matrosen bückten sich und sammelten Kieselsteine in der Anlage auf, weiße und schwarze und gelbe, wie sie wohl heute noch da liegen in Jalta. ,In die Stiefel!‘ kommandierte der Lette.