Wenn nicht die USA den Zwangsverbrauch von synthetischem Kautschuk aufheben oder zumindest drastisch einschränken, so erklärte der Vorsitzende der Londoner Gummi-Handels-Vereinigung, werde bald die Restriktion der Produktion von Naturgummi unvermeidbar sein.

Ist das nun eine Interessentendrohung oder gibt die Statistik dem Unker recht? Auf den ersten Blick scheint der Zahlenspiegel der Gummiwirtschaft ein recht schmeichelhaftes Bild zuzuwerfen. 1948 war der Verbrauch an Naturgummi der höchste, der je erreicht wurde. Mit 1,41 Mill. t lag er um 300 000 t höher ab im Vorjahre und um 500 000 t höher als vor zehn Jahren. Die Produktion war zwar mit 1,52 Mill. t (gegen 1,26 für 1947 und 0,91 Mill. t 1938) um einiges höher als der sichtbare Verbrauch. Doch rund 100 000 t gingen in die strategische Reserve der USA; das statistische Bild war also ausgeglichen.

Doch hinter dem Naturgummi blickt noch einer in den Spiegel: der synthetische Kautschuk. Er ist im letzten Kriege gesellschaftsfähig geworden, das heißt er kann nicht nur in der Qualität, sondern auch im Preise dem älteren Bruder die Waage halten. Und er kann auf einen großen Vorteil zu seinen Gunsten verweisen: seine Erzeugung ist nicht an bestimmte natürliche Voraussetzungen gebunden (die beim Gummi fast ausschließlich in Südostasien gegeben sind). Er kann fabrikmäßig hergestellt werden, wo immer die einfachen Rohstoffe für seine Geburt vorhanden und die Formeln seiner Erzeugung bekannt sind.

Der große strategische Vorzug der Produktion von Gummi im eigenen Lande ist in den USA zur Genüge erkannt worden. Die im letzten Kriege entstandenen Fabriken, die zusammen mit einigen kanadischen Werken eine Jahreskapazität von 800 000 bis 900 000 t haben, werden daher teilweise in Betrieb gehalten. Sie erzeugten 1946 fast 800 000 t, 1947 550 000 t und 1948 noch 530 000 t. Ein Mindestverbrauch von synthetischem Gummi ist gesetzlich festgelegt: Die Reifenindustrie muß jährlich 200 000 t verarbeiten, und für Schläuche und andere technische Verwendung sind jährlich 22 000 t vorgesehen. Bei Kriegsende machten sich die Interessenten am natürlichen Gummi Hoffnungen, daß eine Revolte der amerikanischen Verarbeiter gegen diesen Zwang zur Verarbeitung des künstlichen Produktes ausbrechen würde. Sie sind enttäuscht worden. Mit 590 000 t in 1947 und 470 000 t im vergangenen Jahre haben die nordamerikanischen Verarbeiter die „Zwangsauflage“ weit überschritten. Sie scheinen also keineswegs über das neue Material unglücklich zu sein.

Der Weltverbrauch an Gummi, Natur- und Kunstprodukt, betrug 1948 etwa 1,9 Mill. t. Die Naturproduzenten rechnen damit, daß sie diesen Bedarf in ein bis zwei Jahren allein decken können. Ihr Potential liegt sogar bei mehr als 2 Mill t. Und diese Produktion fällt sozusagen „selbsttätig“ an; es bedarf nur ruhiger politischer Verhältnisse in Malaya, Indonesien und Siam, die zusammen über etwa 85 H. dieses Potentials verfügen. Die Produktion ist sozusagen unelastisch. Daher der Ruf ihrer „Wächter“, die synthetische Produktion müsse, in Friedenszeiten wenigstens, aufhören. Vor allem die USA, die 45 v. H. des Weltverbrauchs stellen, müßten ein Einsehen haben. Doch Morgenstern und Palmstrom sind mit ihrer klassischen Formulierung, daß nicht sein kann, was nicht sein darf, in den USA weitgehend unbekannt. Und wenn sie bekannt wären, so glauben wir nicht, daß sie den Produzenten des Naturgummis dazu verhelfen könnten, die synthetische Produktion in Nordamerika verschwinden zu lassen. Auch das Rad der Technik läßt sich nicht rückwärts drehen.

...Es sei denn, der Naturgummi könnte einen Preistriumph über seinen Konkurrenten aus dem technischen Lager davontragen. Doch auch hier sind die Aussichten schlecht. Naturgummi hat sich am Preisklettern der übrigen Rohstoffe nicht beteiligen können. Mit zwölf Pence je lb liegt er noch auf der Vorkriegsebene – und erlaubt seinem künstlichen Bruder mit einem Preis von 18 1/2 Dollarcents auch die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit neben der technischen! Wesentlich fallen kann der Preis für Naturgummi nicht. Auch sein Preis ist unelastisch geworden. Die Löhne für die Eingeborenen lassen sich nicht zurückschrauben. Das hat man in England sehr richtig erkannt, wenn man feststellt, die Hoffnung für die Behauptung der Westmächte in Südostasien gegen die Gefahr des Kommunismus, liege viel mehr in der Sicherung wirtschaftlicher und sozialer Stabilität für die einheimische Bevölkerung als in Versprechungen auf politischen Liberalismus.

Für einen Preiskampf ist es also gleichfalls zu spät. Eine weitere Verbrauchssteigerung ist auch nicht zu erwarten. Ein Werbefeldzug etwa unter der Parole: „Fahrt mehr Auto!“ würde in den USA daran scheitern, daß jeder Amerikaner schon soviel Auto fährt wie er lustig ist, und in Europa daran, daß wir zuwenig Autos und zuwenig Benzin haben. Gw.