Friedrich II., den die Geschichte unter die „Großen“ zählt, den man den Philosophen auf dem Königsthron genannt hat, schrieb gegen das berühmte Buch „Vom Fürsten“ einen „Antimachiavell“ – und regierte machiavellistisch. Wir dürfen nicht bezweifeln, daß der Idealismus, aus dem die Schrift entsprang, echt war und keineswegs nur etwa vorgeblich, um Popularität einzuheimsen. Um so mehr besagt der Kontrast zur absolutistischen Praxis; er wird zum Zeugnis einer Tatsächlichkeit, deren Unabwendbarkeit und Unveränderlichkeit eben Machiavelli behauptet und zur Grundlage seiner Theorie des Despotismus gemacht hatte.

Auch der große Renaissancemensch Machiavelli, dessen „Geschichte der Stadt Florenz“ ihm einen Platz unter den sozusagen „geschichtemachenden“ Historikern ungewöhnlichen Formats gesichert hat, dürfte seine Staatstheorie nicht lediglich aus Gefallsucht entworfen haben. Es spricht auch nichts dafür, daß er die von ihm behaupteten Notwendigkeiten objektiv gutgeheißen habe; er fand sie nur objektiv wahr und war davon überzeugt, daß ihre Verkennung den Völkern auf die Dauer eher Unheil als Heil einbringen werde.

Als Anfang der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts die permanenten Krisen des französischen Staatsgefüges wieder einmal durch die „Machtergreifung“ eines neuen Usurpators traf List und Gewalt gebannt werden sollten, erschien in Brüssel ein anonyfmes Buch. Ein höchst interessantes, geistvolles Buch, das zu lesen heute noch Genuß bereitet und – erschüttert. Seinem Autor, Maurice Joly, zog es fünfzehn Monate Gefängnis und zweihundert Franken Geldstrafe zu. Geriet es inzwischen auch in Vergessenheit, so hörte es darum nicht auf, zu wirken. Im Vorwort der deutschen Übersetzung, die jetzt im Richard Meiner Verlag, Hamburg, unter dem Titel „Gespräche in der Unterwelt zwischen Machiavelli und Montesquieu“ erschien, weist der Herausgeber. Hans Leisegang darauf hin, daß die unbekannten Verfasser der berüchtigten „Protokolle der Weisen von Zion“ aus den Reden Machiavellis in diesem Buche im ganzen etwa fünfzig Druckseiten abgeschrieben und durch entsprechende Zwischentexte in ihrem ursprünglichen Sinn verfälscht haben. Doch darin erschöpft sich die bleibende Aktualität der erstaunlichen Schrift – leider – nicht.

Montesquieu, der Autor des „Geist der Gesetzt“, ist wohl, der bedeutendste Antipode des vielgeschmähten Florentiners zu nennen. Er ist der Vorkämpfer des demokratischen Gedankens, der Idealist und Ideologe der konstitutionellen Staatsform, der Verfechter der Rechte und der Selbstbestimmungsfreiheit des Volkes, wie jener der Realist der despotischen Ordnung. Beide haben sie, jeder auf seine Art, Epoche gemacht. Beiden schien, abwechselnd, das Geschehen der Zeiten Zustimmung auszusprechen. Stets aber Hieb dem Machiavellismus in der staatspolitischen Wirklichkeit ein gewisses Übergewicht – und seit langem mehren sich die Stämmen nüchterner Denker, die bekennen, daß ihm wenig Stichhaltiges zu erwidern sei, wie sehr diese Tatsache auch allen Wünschen und Bestrebungen der Menschenfreunde, der Apostel der Freiheit und der Gerechtigkeit das Fundament entziehe, wie sehr sie sie auch schmerzen und entmutigen müsse.

Dies ist auch das Fazit des ausgedehnten Dialogs, den in den Seiten des Jolyschen Buches die beiden gegensätzlichen Geister im Jenseits, hinblickend auf die irdischen Ereignisse seit ihrem Ableben, miteinander führen. Ihr entschiedenster und entscheidendster Gegensatz tritt darin zutage, daß Montesquieu von der Souveränität des Volkes ein Wachstum der allgemeinen Rechtlichkeit und damit einen Zustand dauernder Befriedung erwartet, Machiavelli hingegen Mißbrauch der Freiheit, Entfesselung schlechter Instinkte, Anarchie, Chaos und schließlich freiwillige Zuflucht unter die Alleinverantwortlichkeit eines Tyrannen. Montesquieu hält die Grundsätze der Demokratie für den sichersten Schutz des Volkes gegen jeden Machtanspruch eines Ehrgeizigen oder eines Verbrechers. Machiavelli beweist, daß es ein leichtes ist, diese Grundsätze zugleich zu verkünden und ihnen vollständig zuwider zu handeln, ohne daß das Volk es merkt – bis es zu spät ist; er beweist, daß das Volk sich willig knechten, ja versklaven läßt, wenn ihm nur gleichzeitig mit Worten geschmeichelt und ihm vorgeredet wird, es selbst sei die regierende, die souveräne Macht. Kurzum: Montesquieu baut auf den Sieg des Guten, Machiavelli auf die Macht des Bösen; Montesquieu auf eine stetige Entwicklung der Intelligenz, Machiavelli auf die Unzerstörbarkeit der Dummheit. Wer wird nun am Ende seine Oberzeugung bestätigt finden?

Am Schluß der Gespräche muß angesichts der Gegenwart von 1864 Montesquieu verzweifelt, ausrufen: „Ewiger Gott, und das hast Du geschehen lassen! ...“

Dürfen wir annnehmen, im Jahre 1949 müßte Machiavelli sich geschlagen geben?

M.