Kravchenko hat mit seiner Beleidigungsklage gegen die „Lettres Françaises“ dem Pariser Gericht einen regelrechten Monstreprozeß aufgeladen. Die Schlange der Zeugen will nicht enden, die Gemüter erhitzen sich immer mehr, besonders die der kommunistischen Parteigänger, wenn sie meinen, es würde ihnen zu nahe getreten. Unser heutiger Bericht schildert unter anderem, wie die Erregung im Gerichtssaal einen Höhepunkt erreichte bei der Vernehmung des Generals Rudenko, der war persönlich einen guten Eindruck machte, von Kravchenko aber in den kräftigsten Ausdrücken heruntergeputzt wurde.

Die ausländischen Journalisten werden gezwungen sein, in Paris zu überwintern. Maître Nordmann ließ uns nämlich wissen, daß er noch sechzig Zeugen bereithalte! Um so merkwürdiger wirkte es, daß dem Anwalt der Lettres Françaises gerade heute ein Teil der vorgesehenen Zeugen nicht zur Verfügung stand. Sogleich schmunzelten jene, die schon zu Anfang des Prozesses das Gerücht ausstreuten, daß nicht dieser glänzende Anwalt, sondern ein okkulter Theaterinspizient die Verteidigung der Angeklagten leite, und daß dieser die Zeugen nach seinem Gutdünken in der Kulisse zurückhalte oder auf die Bohne des Gerichts schicke.

Die Sowjetpartei hat zur ersten Sitzung der vierten Woche Verstärkung in den kleinen Teil des Saals beordert, wo das nicht eingeladene Publikum eng zusammengepfercht, aber gratis der Hautatmung förderliche Schwitzbäder nimmt. –

Kravchenko widerfährt es zum erstenmal seit Beginn des Prozesses, daß er mit Pfiffen empfangen wird, was seine unentwegten Parteigänger mehr erstaunt und empört als den Kläger selbst, der ausgezeichneter Stimmung zu sein scheint, als wisse er schon im voraus, daß man heute von seinen Gegnern einige Ungereimtheiten hören sollte, die ihm zum Vorteil gereichen würden.

Ein weißer General

Komisch wirkt es, wenn die Sowjetpartei einen Monarchisten, den man in Rußland als Verräter betrachtet, gegen Kravchenko aufbietet, wie sie es mit dem Zeugen Govorow tut, den uns die Verteidigung mit Ehrerbietung vorstellt.. Der General Govorow, 64 Jahre alt, ist ein ehemaliger Stabschef der Armee des letzten Zaren, hat zur Zeit der Intervention bis 1922 bei den Weißen als General gedient, später als Flüchtling in Jugoslawien gelebt und ist seit zwanzig Jahren in Paris als Emigrant ansässig.

Diesen Bürgerkriegsgeneral, der während der Intervention der Alliierten des vorigen Nachkriegs auf seine russischen Bruder hat schießen lassen, weil ihm, wie jüngst dem Ingenieur Kravchenko, das Sowjetsystem nicht behagte, und der nach dem Siege der Armeen Trotzkis aus dem Lande hatte fliehen müssen, diesen mit russischem Blut befleckten und von der siegreichen Revolution geächteten Zarenoffizier sehen wir auf Kravchenko losfahren: „Verräter, Deserteur, schlechter Russe!“ so hallte es durch den Saal. Und dann folgte eine glücklicherweise nur kurze. Auseinandersetzung mit dem Kläger, ähnlich allen vorangegangenen, nur daß Govorow immerhin einräumt, Kravchenko sei nicht zum Feinde desertiert, sondern zu Verbündeten übergegangen. Von Maître Izard bedrängt, gibt er sogar zu, daß die Interventionsfeldzüge gegen das revolutionäre Rußland, an denen er so wacker als Henker der Proleten teilgenommen hat, viele Ruinen hinterlassen habe und daß die Sowjetbotschaft ihm heute noch hartnäckig die Erlaubnis zur Rückkehr in die Heimat verweigert.