Der Filmregisseur Veit Harlan steht, wegen seines Films „Jud Süß“ des Verbrechens gegen die Menschlichkeit angeklagt, vor einem Hamburger Schwurgericht. Der ehemalige Reichsfilmintendant Fritz Hippler, der jetzt Fahrkartenverkäufer in Berchtesgaden ist, leitete seinerzeit die Aufnahmen zu dem Film „Der ewige Jude“. Wer die beiden von Goebbels befohlenen Filme gesehen hat, muß sich darüber klar sein, daß „Der ewige Jude“ ein weit schlimmeres, weit bösartigeres Machwerk ist als „Jud Süß“. Aber der ehemalige Reichsfilmintendant geht unangefochten einem bürgerlichen Beruf nach. Er tritt als Zeuge in dem Prozeß auf, in dem Veit Harlan Angeklagter ist.

In dem gleichen Prozeß werden mehrere Schauspieler als Zeugen vernommen, die an dem Film „Jud Süß“ in wichtigen Rollen mitgewirkt haben. Auch sie sind nicht angeklagt. Und endlos sind die Untersuchungen über die Frage, wer nun eigentlich für das, Drehbuch verantwortlich ist. Wenn ein Film ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist, wer hat dann das Verbrechen begangen: Drehbuchautor, Regisseur oder Schauspieler? Oder sind sie allesamt schuldig, nur in verschiedenem Grade? Wie steht es mit den Kameramännern und mit anderen Mitwirkenden? Und weiter: wenn ein Film ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit sein kann, wie verhält es sich dann mit Gedichten, Novellen, Romanen, mit anderen Büchern antisemitischen Inhalts, wie vor allem mit zahllosen hetzerischen Reden, mit Artikeln in Zeitungen und Zeitschriften? Wo fängt das an, wo hört das auf?

Veit Harlan wollte sich seinerzeit entnazifizieren lassen. Man hörte, er sei in die Gruppe V der Entlasteten eingestuft worden. Diese nicht ganz richtige Nachricht rief in der deutschen Öffentlichkeit einen Sturm der Entrüstung hervor. Hätte Harlans Entnazifizierung mit seiner Einstufung in Gruppe III geendet und mit einer entsprechenden Berufsbeschränkung, so wäre wahrscheinlich alles ruhig geblieben. Und es muß zum mindesten als fraglich gelten, ob es dann überhaupt. zu einem strafrechtlichen Verfahren gegen ihn gekommen wäre.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß hier der Zufall eine größere Rolle spielt als es die Würde des Rechts zuläßt. Warum Harlan und nicht Hippler? Warum der Regisseur und nicht die Schauspieler? Warum gerade dieser Film und nicht zahllose andere Erzeugnisse einer skrupellosen Propaganda, einer verdorbenen Kultur? Dies alles bleibt sehr unbefriedigend. Aber wäre es nun etwa wünschenswert, daß wir, um zur rechtlichen Vollständigkeit zu gelangen, in den nächsten Jahren Hunderte oder sogar Tausende von Strafprozessen in Szene setzten? Sind wir überhaupt noch in der Lage, die Vergangenheit genügend aufzuhellen in all den Fällen, in denen es sich ja nicht um unmittelbare Verbrechen, sondern allenfalls um eine mittelbare Beihilfe zu einem Verbrechen handelt? Der zu weitgefaßte Begriff der Beihilfe macht schon die Nürnberger Prozesse so überaus problematisch. Und das würde auf dem Gebiet des Propagandaverbrechens“ noch sehr viel mehr zutreffen. Denn wer kann den Nachweis führen, daß etwa derFilm „Jud Süß“ auch nur den Tod eines einzigen Juden in Auschwitz wirklich verschuldet hat? Die Juden wurden ja nicht in einem Pogrom durch erregte und verhetzte Volksmengen ausgerottet. Der Massenmord fand ganz im geheimen statt, und die Mörder waren eine kleine Zahl jener blind gehorchenden Techniker der Macht, die sich der Nazismus für seine Zwecke herangezogen hatte. Die Propaganda für die große Masse und die Ausbildung in Himmlers Verbrecherkompanien, das waren ja gerade zwei verschiedene Welten. Jeder Schulungsleiter in einer der kriminellen Abteilungen der SS hatte stärkere Möglichkeiten, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit wirksam vorzubereiten, als der Regisseur eines antisemitischen Films, den Millionen von Menschen sahen. Und was ist Beihilfe ohne den einleuchtenden Nachweis von Ursache und Wirkung? So gesehen, ist der Durchhaltefilm „Kolberg“ viel belastender als „Jud Süß“. Aber nun liegt es wieder so, daß Durchhaltepropaganda sich nicht unter die Bestimmungen des Kontrollratsgesetzes Nr. 10 bringen läßt, während das gerade bei antisemitischer Propaganda möglich erscheint.

Wie soll man ferner heute noch feststellen, inwieweit ein Propagandist in Wort, Schrift oder Film damals freiwillig und aus Überzeugung oder widerwillig und unter Zwang gehanddt hat? Vermutlich war der „Prominente“ im Falle der Weigerung gefährdeter als der Durchschnittliche. Zugleich aber hat die Leistung des „Prominenten“ die größere und also die schlimmere Wirkung ausgeübt. Er hat das bessere Alibi bei höherem Schuldkonto. Aber ist wirklich der gute Schauspieler schuldiger als der schlechte? Und wie steht es überhaupt mit all jenen, gerade unter den Künstlern, die, wenn sie schon einmal ehe Aufgabe übernahmen, sie dann wenigstens so vollendet wie irgend möglich ausführen wollten? Das ist der gleiche Fall wie bei den Generalen, die Hitlers Welteroberung für sinnlos und vielleicht auch für verbrecherisch hielten, aber ihre Schlachten so gut schlugen, als kämpften sie in einem Freiheitskrieg. Es gibt eben eine typisch deutsche Handwerksleidenschaft, eine Begeisterung für die Welt der Mittel. Wer. von dieser Leidenschaft erfaßt ist, vergißt die Zwecke, denen die Mittel dienen. Das ist schlimm genug, aber ist es verbrecherisch? Gerade unter den Künstlern gibt es jene Besessenen, die wirken wollen um jeden Preis und für jeden Auftraggeber. Vielleicht war man weiser in früheren Zeiten, als man die „Komödianten“ bürgerlich und politisch nicht ernst nahm.

Nein, es könnte nicht gut sein, wenn wir jetzt unzählige Verfahren gegen Propagandisten aller Art – bewußte und unbewußte – zu erwarten hätten, mit der Anschuldigung, sie hätten Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen. Es wäre nicht gut für den inneren Frieden Deutschlands, und es wäre nicht gut für das Recht. Das Recht muß es mit klaren, mit eindeutigen Tatbeständen zu tun haben, es darf nicht mit Kautschukbegriffen arbeiten. Das Recht muß ausnahmslos gelten oder gar nicht. Haben wir nicht genug von dem einen Übel der Entnazifizierung, die sich nun jahrelang und immer noch unabsehbar hinschleppt? Wir sollten daraus gelernt haben, daß es nun einmal nicht möglich ist, den Nazismus als einen Gesamttatbestand vor irdischen Gerichten und erst recht nicht vor Laienausschüssen hinreichend zu sühnen. Jeder Versuch in dieser Richtung fügt neues Unrecht zu altem – Unrecht, neuen Unfrieden zu altem Unfrieden. Wir müssen uns damit abfinden, daß für das ungeheure Verbrechen, das verübt worden ist, die entsprechende Menge an strafrechtlich Schuldigen und an strafrechtlicher Schuld nicht aufzutreiben ist. Die Waage kommt erst ins Gleichgewicht, wenn in die andere Waagschale sehr viel menschlicher Irrtum, sehr viel menschliche Schwäche gelegt wird. Irrtum und Schwäche soll man nicht vor den Kadi zerren, denn, wenn man es tut, so ist man der Rache näher als dem Recht. Es ist notwendig, schon heute nachdrücklich vor serienweisen Strafprozessen gegen „Propagandaverbrecher“ zu warnen.

Veit Harlan hat mit dem ihm eigenen Mangel an Takt gesagt, die Welt sei rund, und eines Tages werde er schon wieder neben der Kamera stehen. Muß man sich hiermit zufrieden geben, wenn man Strafverfahren dieser Art für verfehlt hält? Keineswegs. Veit Harlan kann ganz ohne Schwurgericht, sogar ganz ohne Entnazifizierung daran gehindert werden, in Deutschland wieder Regie zu führen. Das Urteil seiner Mitmenschen, nicht das Urteil eines Gerichts sollte hierfür entscheidend sein. Wir haben immer noch nicht gelernt, daß die öffentliche Meinung ebenso tödlich wirken kann wie das Henkerbeil. Die Zeit Veit Harlans ist vorbei. Das gilt, weil wir heute jene „heroischen“ Monumentalfilme, in denen er Meister war, ganz und gar nicht brauchen können, ganz abgesehen davon, daß wir das Geld dafür nicht haben. Der Film wie das Leben bedarf der Wendung nach innen, des einzelnen und nicht der Masse. Veit Harlans Zeit ist aber auch deshalb vorbei, weil der Regisseur von „Jud Süß“ und „Kolberg“ ganz einfach für den deutschen Film unmöglich und untragbar geworden ist. Es kommt nicht darauf an, daß er es einsieht, sondern darauf, daß wir es einsehen, aus dem Willen zur Sauberkeit und zur Wahrhaftigkeit. Gesetzt den Fall, Veit Harlan drehte jetzt Filme im Zeichen von Innerlichkeit, Toleranz und Friedensliebe. Wer könnte darin etwas anderes sehen als Konjunkturware? Das Recht auf solche Filme hat Veit Harlan sich selbst genommen, er hat sich selbst disqualifiziert, als er die Regie von „Jud Süß“ und von „Kolberg“ übernahm, ob man ihn nun dazu gezwungen hat oder nicht. Wer in der ersten Reihe steht, hat höchste Ansprüche an Glaubwürdigkeit und auch an Mut zu erfüllen und wenn er sich nicht bewährt, so ist das ein menschliches Versagen, das ihn aus der ersten Reihe entfernt, aber keine kriminelle Schuld, die das Strafrecht ahnden könnte. Entweder wir haben eine öffentliche Meinung, die dies begreift, dann ist sie auch stark genug, um sich durchzusetzen. Oder aber wir haben sie nicht, und dann verdienen wir nichts Besseres als Veit Harlan. Das gilt nicht nur in diesem Fall, sondern in vielen anderen Fällen, nicht nur für den Film, sondern für alle Gebiete des öffentlichen Lebens. So ließe sich mit gutem Recht sagen, daß ein Mann, der 1933 für das Ermächtigungsgesetz Hitlers stimmte, sich dadurch aus der Politik ausgeschaltet hat. Auch das hängt vom Fingerspitzengefühl der deutschen Öffentlichkeit ab und nicht von Paragraphen eines Gesetzes. Weniger Paragraphen und eine entschlossenere öffentliche Meinung, das sollte unsere Forderung sein.