Von Karl Krolow

Über die französische Lyrik dieser Jahre etwas sagen, heißt von vornherein sich dem Zufall von Begegnungen anvertrauen, wie sie besonders seit Kriegsende bei uns stattfanden. Die wenigen Männer, die uns die gegenwärtige Lyrik Frankreichs zu vertreten scheinen, haben geschrieben und schreiben, indessen sich die Schatten Valérys nicht verflüchtigen wollen. Sie dichten, während sich das Werk Claudels (jenes genialen biblischen Elefanten, wie ihn der junge Claude Roy genannt hat) in ständig wachsender Größe zusammenschließt zu einem ebenso lebhaft getönten wie milden katholischen Kosmos, oder etwa der greise Fernand Gregh, der längst eine klassische Figur für das französische Gedicht geworden ist, noch unter ihnen lebt. Sie haben das leidende und leidenschaftliche humanitäre Pathos Duhamels vor Augen und die gelassenere, weiträumige und weitwirkende Kunst des Humanisten Romains.

Suchte man Verbindungen mit jenen Namen, sie ließen sich bei. dem im vergangenen Jahre verstorbenen Léon-Paul Fargue am leichtesten herstellen. Fargue war Lyriker in jener kondensierten, bis zum Bizarren dichten Form, in der sich Altertümliches, ja, Altes mit Neuem mischte. Er, der bei aller Absonderlichkeit einer der Grazie verwandten Zartheit fähig war, war gleicherweise ein fabelnder Phantast, ein un verhüllter Karnevalist des Wortes, rauschhaft hingenommen von dem reißenden Gefälle, das seine Sprache annehmen konnte. Aber hier blieb er letzten Endes doch bei allem Spiritualismus, allem chokhaften Assoziieren und Flimmern seines Verses ein Freier, der sich der über die Spekulation hinaus aufreizenden und – wie man erkannt hat – spezifisch moderne gnostische Züge annehmenden Geistigkeit surrealistischer Kreise enthielt. Fargue war frei von jener schneidend modernen, entschieden rationalistischen Eigenart, die wie Zugluft durch manche Gedichte Eluards und Aragons fährt. Fargue war skurril, ohne sich der Clownerie hinzugeben Er liebte den Einfall aus der Unerschöpflichkeit seines dichterischen Temperaments.

In einem ist der 1884 wie vor ihm Laforgue zu Montevideo geborene Jules Supervielle der Verskunst Fargues nahe: in der Zeitlosigkeit, der sanften, beständigen Bereitschaft eines Herzens, das sich im gedämpften wie entschiedenen Selbstgespräch ausdrückt. Dort wo Fargue zur Klarheit kommt, ist er dem zarten Profil des wie Leconte de Liste, Heredia und Moréas in exotischer Landschaft aufgewachsenen Supervielle ähnlich. Rilke hat ihn während seiner letzten Jahre in Paris kennengelernt und noch von seinem Sterbebette aus mit ihm korrespondiert. Man sieht sich als Deutscher gerne geneigt, den in seiner Sensibilität starken Autor der „Poèmes de la France Malheureuse“ mit Rilkes ganz subtiler, sensitiver Geistigkeit für einen Augenblick zu vergleichen. Indessen ist Supervielle (von dem Aragon sagte, daß sich in ihm Frankreichs poetische Tradition wie eine Ader der Sanftheit durch den Marmor der Jahrhunderte zöge) so ungemein mit dem besonderen Wohllaut und der Melancholie, die ihm Stimme liehen, eins und von ihnen gleichsam getragen, daß er die spezifisch Rilkesche Gespanntheit niemals erreicht. Hier bleibt alles mehr großartige reverie, Gespinst aus schöner, sicherer Gelöstheit und hoher musischer Heiterkeit. Die Stimme Supervielles geht ruhig. Sie mildert sich zum Parlando. Was ihn vom Surrealismus unterscheidet, ist die ihm eigene unprogrammatische Spontanität des Erleidens einer zauberisch gefaßten Wirklichkeit. Manchmal ist man versucht, ihn als die dichterisch tiefste Erscheinung unter der jüngeren lyrischen Zeitgenossenschaft in Frankreich anzusehen, wenn es nicht müßig wäre, ihn – den man in seiner melancholischen Süße mit der Marceline Desbordes-Valmore, in seiner sanftkonturigen Gelöstheit mit André Chenier verglichen hat – solcherart zu klassifizieren.

Erhebliche dichterische Faszination geht von dem heute siebenunddreißigjährigen Patrice de la Tour du Pin aus, der in deutsche Kriegsgefangenschaft geriet und Carossa übersetzte. Er faßte seine Lyrik in dem umfangreichen Band ,,Somme de la. Poésie“ zusammen. Er gehört übrigens zu den ganz wenigen jüngeren Autoren von Rang, die auch während des Nationalsozialismus bei uns sichtbar waren. Das mag daher zu erklären sein, daß dieser Dichter in seiner enthusiastischen und unermüdbaren Liebe zur Kreatur, zum großen Ensemble der Geschöpflichkeit damals – in Verkennung des ihm eigenen Anliegens – gewissen deutschen Lyrifizierungen verwandt schien. Immerhin kommt er dem bedeutender: deutschen Naturgedicht Loerkescher, auch Lehmannscher Prägung ungefähr entgegen, ohne daß er der von den Deutschen betriebenen kreatürlichen Magie fähig wäre. Der dem absconditus – der verborgene, unsichtbar waltende Gott – wird von ihm in den Geschöpfen und in der Schöpfung aufgesucht,-einer Schöpfung, die schon gar nicht – wie bei der dichterisch wohl wesentlicheren Elisabeth Langgässer – in Wehen sich windet, paulinisch seufzend und von Engeln und Teufeln beherrscht wird. De la Tour du Pin kennt nicht den zeugerischen Tiefsinn, den manches zeitgenössische deutsche Naturgedicht aufweist. Er ist ehestens eine Art Chronist des Geschaffenen.

Der deutschen Auffassung näher kommt der 1915 geborene Alain Borne in einigen Strophen seiner „Terre de l’Eté“, die in das Licht einer ekstatisch erfahrenen, panisch durchschauerten Landschaft getaucht sind. Aber Borne – der erst im Kriege hervortrat – hat offenbar ebenso die Fähigkeit, sich zu humanisieren, wie er auch hierin den Vorbildern Aragons und Eluards nacheifernd – die andere besitzt, ein in seiner Direktheit, seiner überraschenden Simplizität wohltuendes Liebesgedicht zu schreiben-

Während in diesem Zusammenhange der mit Patrice de la Tour du Pin annähernd gleichaltrige Jean Cayrol in seiner rhapsodierenden und quälerisch monotonen Metaphorik als genuin christlicher Dichter lediglich erwähnt werden kann, muß auf den bedeutenderen, 1916 geborenen Pierre Emmanuel nachdrücklich verwiesen werden. Der aus der Widerstandsbewegung hervorgegangene Emmanuel wurde 1940 von Pierre Seghers, dem namhaften Verleger, geradezu entdeckt. In den darauffolgenden Jahren erschienen in rascher Folge Gedichtpublikationen, die ihren Autor zum namhaftesten jungen christlichen Lyriker Frankreichs machten. Jene Offenheit für die der Modernität innewohnenden Verhängnisse und der bis zur Penetranz. gehende Mut, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, geben auch seinem Gedicht einen pathetischen Tenor. Die dadurch erzeugte, zuweilen hyperbolisch anmutende Gespanntheit beschwichtigt sich übrigens an Stellen, die die Substanz des Emmanuelschen Verses zu zerreißen drohen, vor einer überraschend sich einfindenden Wirklichkeitsmächtigkeit. Die Anstrengung, der keuchende Atem mancher Gedichte, läutert sich dadurch zu einer freilich immer noch von Elementen der Unruhe durchsetzten und gefährdeten Reinheit, die dem Autor des Tombeau d’Orphée“ und „Jour de Colère“ entschiedene Bedeutung sichern, in der er dem ihm verwandten, wesentlich älteren Pierre Jean Jouve – soweit das zu überblicken ist überlegen ist, der konstruktiv erscheint, wo Emmanuel spontan handelt.