Von Karl N. Nicolaus

Die Statistik fuhr der Göttin der Liebe und Ehe mächtig in die Parade. Die Statistik hat es in sich; sie nimmt kaltlächelnd 7,3 Millionen Mädchen ihre Heiratschance. So hoch beziffert sich amtlich der Frauenüberschuß in Deutschland im Jahre 1948,

Aber die Göttin der Liebe und Ehe rastet nicht. Sie holte ihrerseits zu einem Gegenschlag aus. Trotz der lähmenden Statistik bescherte sie in diesen Tagen einer einzelnen Dame nur für ihre eigene, weite Person 222 Heiratsanträge,

Nein, es handelt sich nicht um die Tochter eines Millionärs, die eine „Einheirat“ in den väterlichen Betrieb als Morgengabe verheißt.

Auch ist es keineswegs ein weiblicher Filmstar, der sich über Schlafzimmerszenen in die Phantasie der Männer einschlich, so daß manche von ihnen, bedrängt von den lebenden Photos und der Imitations-Sehnsucht ihrer Herzen, an die Schreibmaschine stürzten, am der Angebeteten ihr verwirrtes Herz, eingewickelt in ein Heiratsversprechen, zu Füßen zu legen.

Es handelt sich hier nicht um eine Demonstration des Sex-Appeal, der etwas von einem neuen, aber gottlob harmloseren Hexenwahn an sich hat, welchselbiger wieder als eine schwere Geisteskrankheit gewertet wurde. Nicht um Sex-Appeal dreht es sich, sondern um – die Schreibmaschine sträubt sich, es zu schreiben – Fremdenverkehr.

Die Dame, die die 222 Heiratsanträge – wie der Draht es als Meldung in alle Welt hinausposaunte –, erhielt, ist nämlich die mit Pomp gewählte bayrische „Touristenkönigin“, die erst kürzlich „erkürt“ wurde, und die ihrerseits nun schon beinahe zwanzig Dutzend Heiratsanträge und damit einen deutschen Rekord für sich verbuchen kann. Es ist geplant, die junge, sehr hübsche und aparte Dame nach Amerika abzusenden, woselbst sie für den Fremdenverkehr Propaganda machen soll.