Sicherlich war es die grenzenlose Freiheit des Vaganten, die Günther Weisenborn verlockte, den Eulenspiegel zur Hauptfigur seines neuen Dramas zu wählen, das er „Ballade vom Eulenspiegel, vom Federle und von der dicken Pompanne“ nennt. Denn Weisenborn selbst gehört in eine Reihe mit Tucholsky, Kästner, Kisch, mit Männern, deren weite Toleranz in fanatische Intoleranz umschlug, bedrohte man den Spielraum ihrer individuellen Möglichkeiten. Vielleicht aber war ihr Freiheitsgedanke eng verbunden mit dem Glauben an eine bessere Weltordnung auf dem Boden des Sozialismus – einer der wenigen großen Gedanken, die in Europa zwischen den beiden Kriegen gedacht wurden. Vielleicht ist es deshalb so erschütternd, wenn in dieser neuen Dichtung Weisenborns die Menschen erst sterben müssen, ehe sie das „Land Gerechtigkeit“ erreichen, von dem nun auch Weisenborn einzusehen scheint, daß es nicht auf dieser Erde liegt.

Der Dichter hat seinen Eulenspiegel in die Zeit des Bauernkriegs gestellt. So wird das Thema der Freiheit variiert durch den Kampf zwischen arm und reich, zwischen menschlicher Unzulänglichkeit und großen Idealen. Eulenspiegel der Vagant, der Weise und Narr aus Herz und Vernunft, der, weil er so viel lacht, von den Tränen mehr versteht als die, die weinen, schlägt sich auf die Seite der Bauern Denn der rote Faden, an dem sich die Geschehnisse seines abenteuerlichen Lebens aufreihen lassen wir einzelne bunte Steine ist die Liebe zum geschundenen, gequälten Menschen. – Der Bauernaufstand wird niedergeschlagen: Eulenspiegel verliert die Bundesgenossen und ein Mädchen, das Federle. das er liebte. liebte – obwohl sie, zunächst eine Dirne am Hofe des Truchseß, erst spät zur Partei der Bauern, zu der sie eigentlich gehört, zurückfindet. – Aber kann ein Eulenspiegel alles verlieren? Oder wenn er alles verliert, was hindert ihn, weiterzuziehen und alles erneut zu gewinnen? – „Leb wohl“, sagt Eulenspiegel zum toten Federle, „ich muß weiter ...“

Ohne jede Dekoration hat Weisenborn seinen Eulenspiegel auf das Theater gestellt. Durch die vorgebaute Bühne von allen Seiten sichtbar, sprechen der Narr, das Federle, der Truchseß, die dicke Pompanne (die vom Krieg dick und fett wird), die Bauern und Landsknechte vor den Zuschauern Dennoch ist es echtes Theater, holzschnittartig und balladesk in Szenenfolge und Wort, unterbrochen von Liedern und Trommelwirbel. Überall ist es mit dem Herz eines Dichters geschrieben, obwohl vieles an Bert Brecht erinnert (vor allem in den Liedern, deren Musik Werner Rother schrieb), vieles zu breit geworden ist (besonders im zweiten Teil), und manche Stellen nur Binsenwahrheiten geben.

Die Erstaufführung im Deutschen Schauspielhaus Hamburg stand unter dem Eindruck der Leistung Vasa Hochmanns. Sein Eulenspiegel (den man sich freilich einige Male als Aufwiegler der Bauern etwas gefährlicher gewünscht hätte) kam aus dem Gemüt, ohne dabei den Verstand außer acht zu lassen. Spielerisch (doch nie verspielt), innig (doch nirgendwo sentimental), ein Abenteurer, der das große Abenteuer der Freiheit und der Menschenliebe stets aufs neue wagt Gegen dieses Spiel aus dem Herzen wirkte Ruth Leeuwerik, die das Federle ruhig und auch in seinen Ausbrüchen vom Intellekt her gab, blaß – blasser als sie eigentlich ist. Ilse Bally als die „Schellenbarbell“ und Gustl Busch als „dicke Pompanne“ waren zwei Typen von überzeugender Echtheit. Im übrigen ist das gesamte Ensemble, von Wolfgang von Stas klug geleitet, für den Erfolg des Abends verantwortlich. Das Publikum, zunächst etwas befremdet – viele hatten Kinder mitgebracht und vom „Eulenspiegel“ anscheinend Unbeschwerteres erwartet – ging bald mit und spendete am Ende herzlichen Beifall: Paul Hühnerfeld