Optimistische Aussichten für die amerikanische Konjunktur

In den letzten Tagen wurden die Aussichten der USA-Konjunktur schon erheblich ... weniger pessimistisch beurteilt, als es, noch vor etwa zwei Wochen der Fall war. Heute ist der Ton bereits bemerkenswert optimistisch. Vor dem Wirtschafts- und Sozialrat der UNO erklärte der USA-Vertreter, William Thorn, sehr deutlich, daß es ein Irrtum.sei, wenn man einen Verhältnismäßig geringen Rückgang der Beschäftigung oder der Preise als Anzeichen der Gefahr einer Depression, in den USA ansehe.

Seit vielen Jahrzehnten treten in den USA immer wieder solche Perioden auf, in denen das Angebot an Sachgütern und Diensten die Nachfrage für einige Zeit bedeutend übersteigt. Die große Produktivität der Arbeit, geschaffen durch das persönliche Interesse und durch das Vertrauen zu den wissenschaftlichen Arbeitsmethoden, bei intensiver Ausbeutung enormer Bodenschätze, führte dazu. Der Umfang der industriellen Produktion hat sich in den sechs Jahren der Kriegsperiode, von 1940 bis 1945, verdoppelt. Die Tendenz der Produktion, den Verbrauch zeitweilig zu übersteigen und das allgemeine Preisniveau niederzudrücken, scheint also weiter wirksam, geblieben.

Es ist schwer zu verstehen, warum in Amerika – in Regierung und Presse, Geschäftswelt und Wissenschaft – gerade jetzt so viel von Inflation gesprochen wird. Eine „Inflationsgefahr“ scheint prima vista kaum zu drohen, da seit Kriegsende die umlaufende Geldmenge eher fällt als steigt (28,5 Mrd. $ in 1945, 27,9 in 1948), die unbefristeten Bankeinlagen niedriger sind (105 Mrd. $ Ende 1945 und 92 am 30. September 1948), die Bankkredite nicht zunehmen (140 Mrd. $ Ende 1945, 133 am 31. Oktober 1948), die Staatsschuld zurückgeht (von 278 Mrd. $ Ende 1945 auf 252 am 31. Oktober 1948) und das Defizit im Budget abnimmt (von 53 Mrd. $ in 1945 auf 21 in 1946) oder sich in Überschuß verhandelt (800 Mill. $ 1947 und 5,4 Mrd. $ 1948).

Diese Inflationssorge ist nun freilich aus der Entwicklung der Preise zu erklären. In den ersten zwei Jahren nach dem Krieg, 1946 und 1947, gingen die Großhandelspreise stark in die Höhe (um etwa 50 v. H.). Das war die Kriegsinflation, die sich nun mit Verspätung auswirkte. So gewaltig auch der Anstieg der Produktion während des Krieges war; er vermochte doch nicht sowohl den Kriegsbedarf des Staates als auch alle neugebildeten privaten Nominaleinkommen vollständig zu decken. Das Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage auf allen Warenmärkten war unmittelbar nach dem Krieg größer, weil einerseits viel Bedarf nach „zivilen Gütern“ während des Krieges zurückgestellt worden: war und erst mit der Rückkehr zu normalen Lebensverhältnissen als Nachholbedarf auftauchte, andererseits aber die Vorräte an „zivilen Gütern“ am Ende des Krieges kleiner waren als zu seinem Anfang.

Das kritische Jahr war das Jahr 1948. Zuerst – im Februar – geriet das allgemeine Niveau der Großhandelspreise ins Schwanken, dann aber erholte es sich und verzeichnete zum Schluß eine Erhöhung von 9 v. H. Der Nachholbedarf ließ im allgemeinen bedeutend nach; nur in der Nachfrage nach dauerhaften Verbrauchsgütern – Autos, Hauseinrichtungen – war er noch zu spüren. Die Bankeinlagen, sowohl die unbefristeten als auch die befristeten, gingen langsam aufwärts. Der Umfang der industriellen Produktion behauptete sich und stieg sogar weiter, wenn auch wenig (2 v. H.). Das Sozialprodukt zeigte in den Wertziffern (eben wegen der gestiegenen Preise) eine viel größere Steigerung: von 232 Mrd. $ 1947 auf 256.

Zur Stützung der wirtschaftlichen Konjunktur haben drei Faktoren besonders viel beigetragen: die Vollbeschäftigung der Arbeitskräfte, die große Warenausfuhr und das Investieren der Produktionsbetriebe. Die Ausfuhr erreichte nicht die Rekordziffer von 1947; sie betrug 12 Mrd. $ gegen 19,5 in 1947 und nur 3 vor dem Kriege. Die Anzahl der – Arbeitslosen sank unter die 2-Millionen-Grenze und näherte/sich somit dem „technischen“ Minimum. Die Industrie vermöchte ihren Produktionsapparat zu erweitern, trotz der zurückhaltenden Kreditpolitik der Banken, weil sie zum großen Teil in der Lage war, sich selbst zu finanzieren.