Das Dreifache der Umsätze auf der Frühjahrsmesse 1948: 30 Mill. $ Exportabschlüsse“ – mit diesen Worten zog der Leiter der Abteilung Interzonen- und Außenhandel in der Deutschen Wirtschaftskommission, Orlopp, die Bilanz der diesjährigen, Leipziger Frühjahrsmesse. Er vergaß hinzuzufügen, daß nicht einmal die Hälfte der im vorigen Frühjahr abgeschlossenen Exportverträge realisiert worden ist, und daß auch diesmal, mit Auftragsstornierungen gerechnet werden muß. Allerdings gibt die fortschreitende Verlagerung des Ostzonenexports auf die östlichen Satellitenstaaten Rußlands eine gewisse Gewähr dafür, daß die Aufträge eingehalten werden.

Präsident Orlopp verbuchte als Ergebnis von Leipzig eine Zahl. Die westlichen Besucher verbuchten eine kurze Feststellung, die zugleich ein Abschied ist: eine Leipziger Messe im alten Sinne gibt es nicht. mehr. Die Interzonenblockade hat ihr den Rest gegeben. Es gibt nur noch einen begrenzten ostzonalen Exportmarkt, und es gibt eine – in mancher Beziehung unleugbar eindrucksvolle – Leistungsschau der ostdeutschen Planwirtschaft Der Abschied von Leipzig fällt um so schwerer, als es noch keinen Nachfolger für diese zentrale Messe gibt. Die europäische Wirtschaftsaufgabe Leipzigs wird möglicherweise von Mailand übernommen werden. Deutschland jedenfalls hat „seine“ Messe verloren. Natürlich hat Leipzig immer noch Tradition... und Organisation! Viele Messe Veranstalter der Westzonen könnten von den Leipzigern lernen. Aber die geölte Messemaschinerie täuscht nicht darüber hinweg, daß totale Planwirtschaft und ein freier Messemarkt sich ausschließen.

Äußeres Symptom des Strukturwandels der Messe waren die Messestände der volkseigenen Betriebe. Sie nahmen diesmal mehr als ein Drittel der gesamten Ausstellungsfläche ein. In den vergangenen Jahren dominierten sie nur auf der Technischen Messe Jetzt haben sie auch in der Mustermesse den ersten Platz eingenommen. Die westlichen Kollektiven fielen kaum ins Auge. Die Aussteller mußten auf amerikanische und britische Anordnung die Ausstellerwäre an der Zonengrenze zurücklassen. Was die 580 Aussteller aus den Westzonen und den Berliner Westsektoren zeigten, hätte, größtenteils nur Taschenformat: Pforzheimer Schmuck, Solinger Schneidwaren, vor allem Rasierklingen, mit denen in der Doppelzone der Markt verstopft ist und die in der Ostzone noch immer sehr knapp sind.

Fast alles ist noch knapp in der Ostzone. Vor allem Rohstoffe und Kohlen. Die Arbeiter der Apoldaer Strickwarenindustrie, der Leuna-Werke und der Glasindustrie, die von ihren Betrieben entlassen wurden, merken es. Der Stillstand des Interzonenhandels, zweifellos einer der wichtigsten Gründe des Materialmangels, wird jedoch zum Sündenbock für alle Schwierigkeiten gemacht. mit denen die östliche Planwirtschaft zu kämpfen hat. So trägt vieles noch unverkennbar den Stempel der Behelfsproduktion. Auch die Exportprobleme der Sowjetzone – das zeigte sich in Leipzig deutlich – sind in erster Linie Produktionsprobleme. Die Besatzungsmacht greift unmittelbar in die Produktion ein. Um den Export kümmert sie sich dagegen weniger als die JEIA in Westdeutschland. Die russische Außenwirtschaft braucht in der Ostzone keinen Exportkonkurrenten zu sehen. Die Deutsche Wirtschaftskommission ist an keine Dollarklausel gebunden und kann sogar Exportsubventionen gewähren. Das erklärt die Exporterfolge der Leipziger Messe bei holländischen, schwedischen und dänischen Einkäufern. Eine bittere Ironie: der Handel der Ostzone zum Beispiel mit Holland hat weit größeren Umfang als der Warenaustausch zwischen Ost- und Westdeutschland. Und eine weitere Ironie: der Interzonenhandel, der nur noch auf grauen und schwarzen Wegen, zum Teil über Berlin, möglich ist, läßt zwei Extreme im gemeinsamen Handel zusammenkommen: die totale Planwirtschaft mit ihren Auswüchsen und die äußerste Privatinitiative – dort, wo sie illegal wird, – –ck.