Nachrichten über eine Belebung der sowjetischen Außenhandelspolitik mit dem Westen sind stets mit der nötigen Skepsis aufzunehmen. Allerdings glaubte man unlängst, in den positiven sowjetischen Erklärungen vor der europäischen UNO-Handelskonferenz in Genf eine deutliche Propagierung des Ost- West-Handels zu erblicken. Ob sich die Ersetzung Mikojans durch Menschikow in der Leitung des Außenhandelsministeriums der UdSSR in dieser Richtung auswirken wird, ist noch, nicht abzusehen. Immerhin fällt bei Betrachtung der allgemein regen Ein- und Ausfuhrtätigkeit in der gesamten Weltwirtschaft eines auf: die Wechselwirkung zwischen Weltmarktentspannung und sowjetischer Außenhandelsforcierung. Ein Kuriosum übrigens, das schon einmal – in den Krisenjahren 1929/32 – die Aufmerksamkeit internationaler Handelskreise wachgerufen hat.

Gut erinnerlich ist noch die Entwicklung der deutsch-sowjetischen Wirtschaftsbeziehungen, wobei das Handelsvolumen von 708 Mill. RM oder-2,3 v. H. des deutschen Außenhandelsumsatzes im Jahre 1929 auf über 1520 Mill. RM oder 11 v. H. im Jahre 1931 anwuchs. Mehr als die Hälfte aller aus Deutschland ausgeführten Metalle und Werkzeuge, fast ein Drittel des Exportes von Aluminium, von Röhren, Walzmaterial und Stahleisen, nahezu ein Viertel von Erzeugnissen wie Bleche, Draht, Kessel und Automobile entfielen auf die Sowjetunion.

Aus diesem deutschen Beispiel der dreißiger Jahre ergeben sich gewisse hochaktuelle Parallelen zur jetzigen Weltwirtschaftslage. Allerdings mit einem Rollentausch: an die Stelle des rheinisch-westfälischen Industriereviers ist das atlantische Potential getreten. Wurden nahezu mit sämtlichen skandinavischen und westeuropäischen Staaten kurzfristige Verträge abgeschlossen, so ist das kürzlich unterzeichnete langfristige Italien- Abkommen charakteristisch für die sowjetischen Handelsbestrebungen. Die Kontingentslisten, welche die zum Austausch gelangenden Waren umfassen, sind in vier Teile gegliedert. Die beiden ersten betreffen den normale Außenhandel im Werte von 30 Mrd. Lire in jeder der beiden Richtungen, während die übrigen zwei Teile die zusätzlichen italienischen Lieferungen von Investitionsgütern im Totalwert von 60 Mrd. Lire im Austausch gegen russische Rohstoffe enthalten. Die italienische Lieferliste enthält Kräne, Baggermaschinen, Kabel, Kompressoren, Stahlseile und andere Industrieartikel, während Rußland mit 300 000 t Getreide, 100 000 t Hafer, ferner mit Eisenerz, Asbest, Kaolin, Holz und Rohöl bezahlen will.

Die Gespräche mit Großbritannien, 1947 so vielversprechend eingeleitet, waren vorübergehend ins Stocken geraten. Doch das britische Handelsministerium ließ jüngst bekanntgeben, England habe den sowjetischen Einwänden gegen den Abschluß eines langfristigen Handelsvertrages grundsätzlich nachgegeben und werde die Besprechungen für ein einjähriges Abkommen wieder aufnehmen. So dürfte im Rahmen der englischen Außenhandelsoffensive in Osteuropa auch das Rußlandgeschäft, doch noch aktueller werden. Während Großbritannien 1948 Industriefabrikate im Werte von nur 25 Mill. $ nach Rußland lieferte, exportierte die UdSSR Getreide im Werte von 100 Mill. $. Der Überschuß von 75 Mill. $ wurde zum Einkauf von tropischen Nahrungsmitteln und Industrie-Rohstoffen (Kopra, Tee, Baumwolle, Jute, Kautschuk, Zinn) in Südostasien verwendet.

Sowjetrußland entwickelt seine handelspolitische Initiative aber auch in Ost- und Südosteuropa. Um den Einfluß von Sichel und Hammer voranzutreiben, erklärt sich Rußland in Handelsverträgen mit den Satelliten zusehends bereit, Investitionskredite zur Realisierung des Industrialisierungsprozesses einzuräumen. Bisher liegt der Kreditplafond bei 780 Mill. $, wobei die Kreditlaufzeit im Falle Polen sich auf 5 Jahre erstreckt, während die Gold- und Devisenanleihe an die Tschechoslowakei nur ein Jahr läuft. Insgesamt soll der europäisch-sowjetische Außenhandelsumsatz von 620 Mill. $ im Jahre 1948 auf 940 Mill. $ im Jahre 1949 erhöht werden.

Zieht man den Schlußstrich unter die sowjetische Handelspolitik, so ergibt sich folgendes Bild: Sowjetrußland importierte 1947 Waren im Werte von 571 Mill. $, 1948 waren es rund 700 Mill. $ Die entsprechenden Exportzahlen lauten auf 492 und 660 Mill. $. Die Aussichten der sowjetischen Ausfuhr können im laufenden Jahr recht günstig beurteilt werden. Gelingt es, wie man nach der guten vorjährigen Getreideernte von 120 Mill. t und den russischen Offerten bei der Weizenkonferenz in Washington annehmen darf, den Export auf nahezu 5 Mill. t zu bringen, dann wäre auch mit einer erneuten Ausdehnung des Importgeschäftes zu rechnen. Für den wertmäßigen Umfang kann man von dieser Überlegung ausgehen: Getreide bildet rund ein Fünftel des russischen Gesamtexportes, und 5 Mill. t dürften ohne Schwierigkeiten 210 Mill. $ einbringen. Von diesem Betrage aus könnte daher der Gesamtwert des Exportes auf annähernd 1100 Mill. $ und der Gesamtwert des Außenhandels im Jahre 1949, bei ausgeglichener Zahlungsbilanz, auf rund 2,2 Mrd. $ veranschlagt werden. N. M.