Von unserem Züricher Korrespondenten

Die Reise des Leiters des politischen Departementes der Schweiz zur Besprechung der Marshall-Plan-Länder nach Paris hat zunächst in der Schweizer Presse kein freundliches Echo gefunden. Die Ungewöhnlichkeit einer Auslandsreise des schweizerischen Außenministers, die Furcht, das Land könne durch die Marshall-Plan-Organisation auf das schlüpfrige Grenzgebiet zwischen Politik und Wirtschaft gedrängt werden, und die Akuratesse, mit der man in der Schweiz an der traditionellen Neutralität festhalten möchte, schienen – vom Blickpunkt Berns aus – diesen Besuch Petitpierres in Paris zu einem „gewagten Unternehmen“ zu machen. Gerade weil man sich der Schwierigkeit bewußt ist-, der in dieser Zeit des wachsenden Zusammen-Schlusses der Weststaaten und des natürlichen Übergreifens der Politik in die Wirtschaft eine politische Neutralität bei wirtschaftlicher „Teilnahme an Europa“ ausgesetzt, istgalt diese Reise des Außenministers sozusagen als diplomatischer Balanceakt, zwischen Neutralität, und Marshall-Plan. Wichtig für die Schweiz war der Pariser Beschluß, daß die Währungs- und Finanzstabilisierung der einzelnen Länder in diesem Jahr abgeschlossen werden soll, um den allgemeinen Güterausstausch anzuregen, daß Autarkiebestrebungen zu überwinden und die Verwendung der Investitionskredite aufeinander abzustimmen sind. Denn die aktuelle Sorge der Schweiz, die durch alle Handelsvertragsverhandlungen mit Frankreich, England, der Doppelzone, Schweden, Amerika und Argentinien immer wieder genährt Wird, ist die Sicherung ihrer Exporte. Daß für diese praktisch nur der Westen in Frage kommt, wird durch die Enttäuschung deutlich, die das Ergebnis aller Anstrengungen war, mit den Oststaaten wieder einen Güteraustausch herzustellen. Obwohl mit allen Ostländern, mit Ausnahme von Albanien, Verträge abgeschlossen würden, macht der Osthandel nur 10 v. H. des schweizerischen Außenhandels aus. Und das eidgenössische Volksdepartement erklärt dazu, daß der tatsächlich erhielte Güterverkehr stets weit unter dem vertraglichen bleibt. Das liegt daran, daß die Ostwaren preislich und qualitativ nicht konkurrenzfähig sind. R. K. N.