Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W., Berlin, im März

Seit dem 20. März gehört Berlin nicht nur symbolisch, sondern tatsächlich zu Westdeutschland. Die Erklärung der Westmark zur Alleinwährung, die an diesem Sonntag für Westberlin Tatsache wurde, zieht aus neun Monaten politischen, wirtschaftlichen und finanztechnischen Durcheinanders eine Konsequenz von weitreichender Wirkung. Dieses Drei vierte!jahr war angefüllt mit Verhandlungen und Beratungen, die vom Kontrollrat zu den Moskauer Botschafterbesprechungen von dort wieder zum ad hoc wiederbelebten Kontrollrat, von dort zur Pariser UNO-Konferenz und von ihr zu dem viele Monate hindurch beanspruchten Ausschuß der Finanzsachverständigen wanderten, bis es endlich zu der Verkündung der Westwährung als der alleinigen Währung Westberlins kam. Neun Monate also nach der westdeutschen Währungsreform, die auch schon Berlin betraf, wird das Entgegenkommen revidiert, das die drei westlichen Militärregierungen seinerzeit zeigten, indem sie neben der Westwährung die Ostwährung zuließen und alle Leistungen für bewirtschaftete Waren, Mieten, Steuern und Fahrgelder in Ostwährung genehmigten.

Dieser Zustand der Doppelwährung für Westberlin endet nun. Hart werden sich jetzt die beiden Währungen in Ostberlin und Westberlin gegen übertreten. Die Stadt wird noch mehr zerschnitten sein als bisher; denn nunmehr – spätestens von Anfang April an – scheidet eine Devisengrenze die Stadtteile. Das soziale Abenteuer der Währungsspekulation und des täglich wechselnden Umtauschkurses wird von einer klareren Situation abgelöst. Die Westmark, die bisher in Berlin beinahe Devisencharakter harte, wird nun wieder ordentliches und einziges Zahlungsmittel.

Das Gefühl gereinigter Luft steht am Beginn des neuen Zustandes. Der Ruf nach der Westmark ist seit Herbst 1948 zu oft son der Tribüne des Berliner Stadtparlaments erklungen, als daß die Berliner Bevölkerung von dieser neuen Operation sich nicht beträchtliche Erleichterungen erhoffen sollte. Sie hat ja nicht nur die ganze Last des politischen Komplexes Berlin zu tragen, sondern gerade auf monetärem Gebiet seit Kriegsende besonders schlimme Erfahrungen gemacht. Während Westdeutschland den ersten Nachkriegsjahren bald über seine Sparkonten verfügen konnte, haben die Berliner sie mit dem russischen Einmarsch eingebüßt. Um so härter traf sie die Abwertung der neuen Guthaben bei der Währungsreform. Die Serie der Leiden ist durch die erneute Umstellung allerdings noch einmal verlängert worden, da die außerordentlich bescheidene Kopfquote selbstverständlich bei weitem nicht die vorhandenen Ostmark-Geldmittel 1:1 konvertierter Diese fraglos bitteren Ungerechtigkeiten, die wegen der Drosselung des Westmark-Umlaufs nicht zu vermeiden waren, belasten die Stimmung erheblich.

Wieder einmal muß von vorn angefangen werden, und dies, obwohl die Ausschaltung der Ostmark aus Westberlin keineswegs nun alle Hände zu einem wirklichen Aufbau frei macht. Denn – hier beginnen und enden alle Überlegungen – Berlin ist eine Insel, zu der auf absehbare Zeit der einzige Weg über die kostspielige, allein durch die Alliierten gewährleistete Luftbrücke führt. Die Verbesserung des Lebensstandards in Westberlin gilt als einer wichtigsten Ziele der Westmark-Einführung Die Hoffnungen richten sich auf den Einkauf nichtbewirtschafteter Waren, der bisher deshalb nicht funktionieren konnte, weil die Stadt kaum in der Lage war, andere, als Ostmark-Preise zu zahlen. Die Wettbewerbsfähigkeit der Berliner Industrie ist der andere notleidende Faktor. Beides soll durch die klare Westmark-Basis besser werden. Das alles bedürfte keiner Erklärung, wenn Angebot und Nachfrage zwischen westdeutscher Rohstoffbasis und Berliner Industrie sich nach Bedarf ausgleichen könnten. Doch die Westmark beseitigt nicht das Kohlen-, Strom- und Rohstoffvakuum, in dem Berlin lebt, und sie vergrößert ebensowenig den notwendigen Frachtraum, wie sie die Blockadekosten und die zusätzlichen Wirtschaftsunkosten in Berlin verringert. Die Bedenken gegen die volle Geltung der Westmark sind in einem früheren Stadium der Entwicklung gerade von wichtigen Gruppen der Westberliner Industrie ausgegangen, die in der Ostzone ihre Partner hatten. Seit der Gegenblockade sind allerdings die gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen so zusammengeschrumpft, daß die Verbindung Westberlin–Westdeutschland trotz aller Transporthemnisse immer enger wurde. Erhöhung der Lufttonnage für den Industrieverkehr, Gewährung von lang- und mittelfristigen Krediten aus Frankfurter Mitteln, Abbau des Mißtrauens gegen die „Berliner Großzügigkeit des Wirtschaftens“ (der in Frankfurt neulich zur Forderung eines westdeutschen Sparkommissars für Berlin geführt hat), Verbesserung des Reiseverkehrs zwischen den Westzonen und Berlin – diese Faktoren stehen an der Spitze vieler anderer, die der Westmark in Westberlin größere Bedeutung als die einer bloßen Währungskorrektur geben sollten.

Die Westmark schafft die sowjetische Blockade nicht aus der Welt. Aber die Westberliner, die in den Tagen vor dem 20. März wieder einmal ihre Ostmark zu sehr ungünstigem Kurs umtauschten, begreifen auch den neuen Schnitt als politische Notwendigkeit. Sie versprechen sich davon zwar keine Wunder, aber mindestens eine langsame Gesundung, wie sie der deutsche Westen seit der Währungsreform verzeichnen kann. Daßdarüber hinaus Westberlin nun auch beginnen kann, auf die Ostzone mit mehr als nur mit politischen Sentiments zu wirken, das wird als nicht unwichtigstes Ergebnis der Operation zu erwarten sein. Die Reaktion der Sowjets wird zeigen, in welcher Weise sich die weltpolitische Auseinandersetzung der Mächte verschoben hat.