Von Landesbischof i. R. D. Th. Wurm

In der Feuilleton- und Kunstbeilage der Neuen Zeitung Nr. 11 beschäftigt sich Rudolf Kinsky mit dem Thema: Deutschland und ein christliches Europa. Er stellt fest, daß in Deutschland das Christentum und die Kirchen in höherem Maße als in anderen europäischen Ländern ihr Gewicht verloren haben und wirft die Frage auf, ob trotzdem Deutschland an der Konzeption eines neuen christlichen Abendlandes teilnehmen könne. Er glaubt diese Frage bejahen zu können unter der Voraussetzung, daß es der Kirche gelinge, die christliche Botschaft in einer neuen Sprache zu verkündigen und daß die anderen ihr Mißtrau gegen uns aufgeben.

Der ersten These wird man mit Einschränkungen zustimmen können, wenn man von Frankreich absieht, dessen öffentliches Leben und dessen Geistigkeit sicherlich nicht wesentlicher vom Christentum geprägt ist als die Deutschlands. Dagegen wird zuzugeben sein, daß in den angelsächsischen und skandinavischen Ländern der offizielle Respekt vor Kirche und Christentum größer ist als gestern und heute in maßgebenden Kreisen des deutschen Volkes.

Es würde sich lohnen, der Frage nachzugehen, welches die tieferen Gründe sind, die der Aufnahme der christlichen Botschaft in Deutschland heute entgegenstehen. Einer der schlimmsten Züge im deutschen Volkscharakter ist die Maßlosigkeit im Erwerb und im Lebensgenuß. Es gibt einen Typ des Deutschen, der nicht genug bekommen kann in materiellen Genüssen, im Anhäufen von Vermögen und im Protzen mit seinem Reichtum. Nichts aber ist bezeichnender für das deutsche Wesen, als daß hart daneben der andere Typ steht, arbeitsam, sparsam, genügsam, innerlich gerichtet, der Grübler und Sinnierer. Dem Ausland fällt selbsverständlich der erstere mehr ins Auge, schon weil er im Großstadtbild hervortritt. Das deutsche Volk ist im 19. Jahrhundert verhältnismäßig schnell in seiner Lebenshaltung vorangekommen. Viele glaubten die Bindungen, die für die Väter maßgebend waren und die Werte, die bei ihnen galten, entbehren zu können.

Es wäre aber ungerecht, wenn wir die kritische Haltung vieler Volksgenossen zum Christentum nur auf niedere materialistische Motive zurückführen würden. Der Deutsche verliert leicht das Maß nicht bloß im Genuß, sondern auch im Denken, Forschen und Fragen. Diese Veranlagung ist die Grundlage seiner gewaltigen Leistungen auf dem Gebiet der Geistes- und der Naturwissenschaften. Er ist nicht zufrieden mit dem Erreichten, er muß noch tiefer eindringen und das Geheimnis der Welt erforschen. Aber er verfällt dabei leicht dem Irrtum, daß die Wirklichkeit lediglich verstandesmäßig zu erfassen sei. Er ist geneigt, um einer Theorie willen alles, auch Kostbares, daranzugeben. Die intellektuelle Redlichkeit ist ihm – mit Recht! – ein hohes Gut. Er will auch im Denken sauber sein, und darum sind ihm alle Probleme wie die der geschichtlichen Zuverlässigkeit der biblischen Berichte oder der Denkbarkeit von Wundern etwas Aufregendes und Bedrückendes. Wenn es eine Offenbarung Gottes gibt, so soll sie vollkommen sein, nicht verhüllt durch menschliche Gebrechen und Irrtümer ihrer Träger. Das Geheimnis der Inkarnation ist für ihn schwer zu fassen. Ebendeshalb stößt er sich auch an den Rätseln der göttlichen Weltregierung und der menschlichen Lebensführung und damit kommen wir zu dem Punkt, der beachtet sein will, wenn man von dem Unterschied der religiösen Haltung des Deutschen gegenüber andern europäischen Völkern redet.

Man sollte nie vergessen, daß das deutsche Schicksal in den letzten dreieinhalb Jahrzehnten ein furchtbares war. Mitten aus fleißiger Arbeit heraus wurde unser Volk, das auch nichts anderes erstrebte als andere Volker, nämlich seine Lebenshaltung auf dicht bevölkertem Boden zu verbessern, unversehens in einen furchtbaren Krieg hineingerissen. Welche Torheiten auch damals die deutsche Regierung begangen haben mag – das deutsche Volk strebte 1914 nicht nach Weltherrschaft und Unterdrückung der anderen und fühlte sich nicht als Angreifer, sondern als Angegriffener. Nach dem Zusammenbruch sagte man, sich los von der Monarchie und setzte alle Hoffnung auf die Demokratie, vor allem auf den amerikanischen Präsidenten Wilson, der in seinen vierzehn Punkten die Grundsätze eines gerechten Friedens aufgestellt hatte. Die Enttäuschung war groß, als das Selbstbestimmungsrecht der Völker allen anderen zugebilligt wurde, nur nicht den Deutschen. Zum Verlust großer Gebiete im Osten und im Westen kam die Verarmung des deutschen Mittelstandes durch die Inflation, die besonders durch die französische Ruhrbesetzung auf die Spitze getrieben wurde. Nun war es für eine Bewegung von Desperados nicht schwer, Boden zu gewinnen. Trotzdem trat mit der Stabilisierung der wirtschaftlichen Verhältnisse auch eine politische Beruhigung ein. Aber als von 1930 an die von den USA ausgehende wirtschaftliche Depression die ganze Welt ergriff und das Heer der Arbeitslosen ins Ungemessene stieg, als man den Eindruck hatte, daß es dem Ausland an jedem guten Willen fehle – nicht einmal eine Zollunion mit dem ebenfalls daniederliegenden Österreich gönnte man uns –, lieferte sich unser leichtgläubiges Volk dem Dämonen aus, den es für einen Wundermann hielt, wiederum nicht um andere zu unterdrücken, sondern um geordnete Zustände im Innern zu bekommen. Und siehe da, auch das Ausland brachte dem „Führer“ Respekt entgegen. Eine Verletzung des Versailler Vertrags nach der anderen konnte er sich leisten, ohne das der Franzose oder Engländer einmarschiert wäre, und schließlich wurden Ihm Zugeständnisse gemacht, wie sie ohne Krieg noch nie einem Staatsmann hcschieden waren. Wie die Menschen in Deutschland dachten, konnte man in München sehen: sie jauchzten über die Erhaltung des Friedens, konnten es aber unter der Diktatur nicht hindern, daß ihr böser Dämon auf den Krieg zusteuerte.

Es fällt keinem vernünftigen Deutschen ein, die Pflicht zum Schadenersatz und zur Sühne unmenschlicher Vergehen an Ländern und Völkern abzustreiten; das besonders an den Juden begangene Unrecht bedrückt uns tief. Wir wollen tun, was wir können. Aber man soll uns dazu auch die Möglichkeit geben. Das haben wir in den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch schmerzlich vermißt. Unser Volk wollte die Besatzungstruppen als Befreier begrüßen, aber, sie kamen vielfach als Racheengel. Wieviel aufkeimende Saat ist dadurch zerstört worden! Wie aufgeschlossen waren die Internierten und die Kriegsgefangenen noch im ersten Jahr auch für die christliche Botschaft! Wie beugten sie sich unter das Wort des Gerichts und der Buße, aber wie verhärteten sich auch die Gemüter, je länger die Gefangenhaltung dauerte und je mehr unbegreifliche Fälle von Härte und Grausamkeit daheim und draußen bekannt wurden! Ich muß es als Seelsorger sagen: So ist noch nie auf ein schon geschlagenes und zur Reue bereites Volk eingeprügelt worden wie auf das deutsche! Wenn man zu all dem Angeführten hinzunimmt, was im Osten und Südosten bei der Austreibung aus der jahrhundertelang bewohnten Heimat geschehen ist, welches Schicksal die Kriegsgefangenen, darunter auch Frauen, als Arbeitssklaven erleiden, so muß man doch sagen: Wundern soll sich kein Ausländer, wenn ein tiefer Groll gegen das Schicksal in viele deutsche Herzen eingezogen ist. Es bedarf einer ganz neuen Vertiefung in das Wort der Schrift und einer ganz neuen Sprache, um diese Menschen davon zu überzeugen, daß auch in Leid und Unrecht der Gott zu uns kommt, der in Jesus Christus unser Vater geworden ist und uns das ewige Heil und den Frieden schenkt.