Durch den Atlantikpakt wird die Trennung der Welt in ein westliches und ein östliches Lager abermals verschärft. Damit setzt sich eine Entwicklung fort, die offenbar unausweichlich ist und bei der Richtung und Tempo zuerst von den Russen angegeben worden sind. Der Zeitpunkt, zu dem dieses unheilvolle Geschehen sichtbar begann, läßt sich genau feststellen. Das war an jenem Tage der Pariser Friedenskonferenz von 1946, an dem der damalige amerikanische Außenminister Byrnes das Angebot einer vierzigjährigen Garantie bekannt gab, welche die USA den anderen Mächten gegen neue deutsche Aggressionen zu gewähren bereit seien. Bei der gleichen Gelegenheit teilte er mit, daß amerikanische Truppen nötigenfalls so lange in Deutschland bleiben würden, wie diese Garantie es erfordere. Damals erkannten die Sowjets, daß die Vereinigten Staaten nicht die Absicht hatten, sich, wie nach dem ersten Weltkrieg, aus Europa zurückzuziehen und an der europäischen Politik zu desinteressieren, sondern daß sie gewillt waren, an dem Konzert der europäischen Mächte auch weiter teilzunehmen. Der Traum des Kreml, Europa nach dem Abzug der Amerikaner spielende zu erobern, wurde zunichte. Die schöne, schillernde Seifenblase war geplatzt.

So fing denn Moskau an, den Amerikanern Schwierigkeiten zu bereiten, um ihnen den Geschmack an europäischer Politik zu verleiden. Es begannen die Streitigkeiten im Kontrollrat, die Vetos in der UNO, und so arbeiteten sich immer schärfer feindliche Fronten heraus. Unter dem neuen Außenminister Marshall nahmen die USA den ihnen angebotenen Kampf mit unerwarteter Energie auf. Die Bolschewisierung von Polen, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und der Tschechoslowakei konnte allerdings nicht verhindert werden, weil diese Länder in Jalta als russische Einflußsphäre anerkannt worden waren. Aber auf den von Moskau angestifteten Bürgerkrieg in Griechenland antworteten die Vereinigten Staaten mit der Truman-Doktrin, einer aktiven Unterstützung der griechischen Regierung, und auf die Bolschewisierung der Oststaaten mit dem Marshall-Plan zur Unterstützung, der freien Länder von Westeuropa. Die Russen verhängten die Berliner Blockade, England und Amerika riefen die Luftbrücke ins Leben. Der Kreml schuf ein militärisches Bündnissystem zwischen den Oststaaten. Dagegen entstand im Westen der Brüsseler Pakt, aus dem sich der Atlantikpakt einerseits und die Pläne für eine Westeuropäische Union andererseits folgerichtig entwickelt haben.

Immer wieder haben die Sowjets Drohungen ausgestoßen, in Reden anläßlich militärischer Paraden oder bei Jahrestagen irgendwelcher, revolutionärer Ereignisse. Die Stärke der sowjetischen Armee, ihre ständige Kriegsbereitschaft wurden in den Himmel erhoben. Das deutsche Säbelrasseln in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg war ein Kinderspiel gegen das, was neuerdings in der Sowjetunion beliebt wird. Alle Versuche, im Sicherheitsrat zu einer vernünftigen Beschränkung der Rüstungen, zu einer Kontrolle über Besitz und Herstellung von Atombomben zu gelangen, wurden durch sowjetrussische Vetos vereitelt. Offen erklärte Molotow, als er in Paris die Teilnahme der UdSSR am Marshall-Plan ablehnte, die Westmächte würden ihren Entschluß, die amerikanische Hilfe anzunehmen, noch bitter zu bereuen haben. Und in diesen Tagen hat der Kreml drohende Noten an Norwegen, Schweden und Dänemark gerichtet, um die skandinavischen Länder den russischen Plänen gefügig zu machen. Wundert man sich, daß die westlicher Völker von Furcht ergriffen wurden und daß ihre Regierungen daran gingen, einen gemeinsamen Verteidigungsplan zu entwerfen?

So ist der Atlantikpakt entstanden. Durch Verhandlungen zwischen den Beneluxstaaten, Großbritannien, Frankreich, Kanada und den USA. Norwegen, Dänemark, Island, Italien und auch Portugal werden ihm vermutlich bald beitreten. Und das heißt, daß binnen kurzem ein Verteidigungsbündnis vorhanden sein wird, durch das es möglich sein muß, der Sowjetunion energisch Widerstand zu leisten. Parallel mit diesem Pakt besteht bereits der Panamerikanische von Rio, und hinzukommen werden noch ein Mittelmeerpakt für den Nahen Osten und ein weiterer für die Anliegerstaaten des Pazifischen Meeres. Damit ist in der Welt dem aggressiven Imperialismus der Sowjetunion, soweit er sich kriegerisch betätigen will, bestimmt zunächst einmal Schach geboten worden.

Der Atlantikpakt ist – Belgiens Ministerpräsident Spaak wies stolz darauf hin – mit vorbildlich demokratischer Offenheit gegen alle Gewohnheit bereits vor seiner Unterzeichnung veröffentlicht worden. Seinen Kern bildet der Artikel 5, in dem festgestellt wird, daß ein Angriff auf eine der beteiligten Mächte einen Angriff auf alle Vertragspartner bedeutet und daß jedes der vertragschließenden Länder dem angegriffenen zur Hilfe kommen muß. Es ist hier zwar mit zarter Rücksicht auf die verfassungsmäßigen Rechte des amerikanischen Senats von einer automatischen Waffenhilfe nicht die Rede. In der Tat aber bedeutet dieser Artikel, daß jedes angegriffene Land, das dem Pakt angeschlossen ist, mit einem automatischen Kriegseintritt aller anderen Partner rechnen kann. Nun hat jedoch das Beispiel Griechenlands gezeigt, daß die moderne Kriegsmethode der Sowjetunion nicht mehr der bewaffnete Überfall, sondern der Bürgerkrieg ist. Deshalb zählt Artikel 4, der von Konsultationen zwischen Unterzeichnern des Paktes handelt, unter den Möglichkeiten einer feindlichen Bedrohung nicht nur den Angriff auf die Sicherheit des Staates oder seine gebietsmäßige Unversehrtheit, sondern auch die Verletzung der politischen Unabhängigkeit auf. Der amerikanische Außenminister Acheson hat zur Erläuterung des Paktes erklärt, daß unter gewissen Umständen auch ein kommunistischer Aufstand in einem alliierten Lande als bewaffneter Angriff angesehen werden könne, dann nämlich, wenn die revolutionäre Bewegung vom Auslande angeregt oder unterstützt sein sollte – aber wann könnte dieses eigentlich nicht der Fall seit?

Auf Befehl des Kominform haben die Kommunisten bereits auf die Ankündigung des Atlantikpaktes in allen westlichen Ländern mit haßerfüllten, maßlosen Reden sowie mit Straßentumulten und Streikdrohungen reagiert. Wieweit man es wagen wird, zu offenem Aufruhr überzugehen, bleibt abzuwarten. Der Atlantikpakt sieht für solche Fälle gegenseitige Unterstützung vor, in der letzten Konsequenz bedeutet dies Kämpfe ganz in der Art des spanischen Bürgerkrieges. Doch ist da ein Unterschied: die Angreifer werden diesmal die Bolschewiken sein, und die Regierung wird die tatkräftigste und mächtigste Unterstützung der demokratischen Welt haben. Dennoch sollte niemand daran zweifeln, daß diese Bürgerkriegstaktik in den nächsten Jahren vom Kreml versucht werden wird.

Zu den Ländern, die hierfür dem Sowjetzaren am geeignetsten erscheinen dürften, gehören in Europa neben Griechenland vermutlich Jugoslawien, Österreich und Deutschland. Die Affäre Tito ist einstweilen noch ein Bruderstreit im Haus der Oststaaten, sie geht die Atlantikmächte direkt nichts an. Österreich und Deutschland aber sind von der Sowjetunion und den drei westlichen Großmächten, die das Rückgrat des Atlantikpaktes bilden, gemeinsam besetzt. Mitten durch beide Staaten hindurch verläuft der Eiserne Vorhang, und die intransigente Politik der sowjetischen Besatzungsmacht hat hier ausgezeichnete Möglichkeiten, um im Auftrage Moskaus ein unheilvolles Spiel zu treiben. In Österreich geschieht dies einstweilen noch mit Zurückhaltung, um so schamloser und deutlicher offenbart es sich in Deutschland. Daß sich hieraus Gewissenskonflikte für deutsche Politiker ergeben können, liegt auf der Hand.