Von Jan Molitor

Da ist Müller, Dr. Gebhard Müller, der das Land Südwürttemberg-Hohenzollern regiert (Regierungssitz Tübingen); da ist Maier, Dr. Reinhold Maier, der die Geschicke des Landes Württemberg-Baden steuert (Regierungssitz Stuttgart). Müller, Maier ... „Schade“, sagte ein nach Südwestdeutschland verschlagener Düsseldorfer, „daß der Dritte nicht Schulze heißt!“ – Der Dritte heißt Wohleb, Dr. Leo Wohleb. Er ist der Regierungschef von Südbaden mit dem Sitz in Freiburg.

Es ist nicht leicht, die neuen Ländchen der modernen südwestdeutschen Vielstaaterei auseinanderzuhalten „Wie heißen die Hauptstädte hier in eurer südwestdeutschen Ecke?“ Karlsruhe und Stuttgart“, erwiderte ein Ladenbesitzer in Freudenstadt. Und ein halbes Dutzend Schwarzwaldbauern, am Wege befragt, antwortete nicht anders. Woraus man wohl ersehen kann, daß die von Gnaden der Besatzungsbehörden ins Dasein gerufenen Hauptstädte Tübingen und Freiburg bisher nicht sonderlich ins allgemeine Bewußtsein der Bewohner Südwestdeutschlands eingegangen sind. (Karlsruhe, einst die Kapitale von Baden, ist heute überhaupt keine Hauptstadt mehr, sondern darin von Stuttgart abgelöst worden; worauf sehr bald vom „Stuttgarter Zentralismus“ gesprochen wurde.) „Wie heißt der Staatspräsident von Südwürttemberg?“ – Ein sonst durchaus weltgewandter Kellner des repräsentativen Hotels in Freudenstadt erwiderte: „Müller oder Maier...“ Mit anderen Worten: er wußte es nicht genau. (Eine Antwort, die dafür spricht, daß man es den Bewohnern der übrigen deutschen Länder nicht verargen sollte, wenn sie in den verzwickten südwestdeutschen „Ländli“-Verhältnissen nicht allzu gut Bescheid wissen.) Aber von Präsidenten Wohleb kennen sie alle. Er hat von sich reden gemacht. Und es war ein meinte: der mit schwäbischer Unbekümmertheit meinte: „Wenn man sagen darf, daß fast alle Probleme der südwestdeutschen Vielstaaterei voller Fragen sind, so kann man in bezug auf Wohleb sagen, daß dieser eine Mann schon allein für sich eine Figur zum Rätselraten ist. Sie verstehen: Von der Parteien Haß und Gunst verzerrt, schwankt sein Charakterbild‘...“

Es war bei der Länderchef-Konferenz in Hamburg, wo man unlängst Dr. Wohleb im Kreise seiner Kollegen sah und wo man Gelegenheit hatte, eine kleine, aber vielleicht bezeichnende Episode zu notieren: Auf die Frage, ob nicht der Empfang, der dem Berliner Oberbürgermeister Reuter jüngst bei seinen Reisen ins Ausland zuteil geworden, zum ersten Male darauf hindeute, daß endlich wieder ein deutscher Politiker mit den Ehren eines Staatsmannes begrüßt worden sei, erwiderte Wohleb stolz und selbstzufrieden, er selber sei in Paris schon vor längerer Frist sehr ehrenvoll empfangen worden, Ja, und eben dies ist es, warum ihm manche seiner Untertanen mißtrauen

Wer in den gegenwärtigen Wochen nach Südwestdeutschland kommt, hat reichlich Anlaß, dieses Mißtrauen an Ort und Stelle zu studieren. Es geht dabei um den aktuellen Anlaß jener neuesten Pariser Verlautbarung, nach der tunlichst sowohl das Land Baden als auch Württemberg wiederhergestellt werden sollten. Kaum so aus Paris verlautet, rief diese Neuigkeit im Freiburg Wohlebs, im Stuttgart Maiers, im Tübingen Müllers die gleiche Aufregung hervor. Leute, die nie zuvor sich Sorgen um ihre augenblickliche Staatsangehörigkeit gemacht hatten, fragten plötzlich betroffen: „Was nun?“ Und viele fragten nach der Rolle Wohlebs...

Der Staatspräsident Dr. Müller (Tübingen) ist ein ruhiger, besonnener Mann, der im Streit der Meinungen eine wohltuende Eigenschaft entwickelt hat, nämlich Takt. Zwar hat er, als der Präsident Südbadens sich wegen der hohenzollernschen Lande in Südwürttembergs Sachen einmischte, eben diesem Dr. Wohleb, wie die Schwaben sagten, „ordentlich den Marsch geblasen“; aber er hat danach auch taktvoll erklärt: „Ich betrachte die Angelegenheit als abgeschlossen.“ Und was die neuesten Pläne der zukünftigen Länderordnung im südwestdeutschen Raum betrifft, so bleibt Dr. Müller bei seinem Satz, daß es nicht gutgetan war, die beiden Länder Baden und Württemberg jeweils in zwei Hälften zu spalten. Ist das nicht ganz dasselbe, was Wohleb sagt? Warum also sind sie Gegner?

Fangen wir das Puzzle-Spiel von vorne an! Das Land Württemberg-Baden, die Schöpfung der Besatzungsbehörden, mit den Städten Karlsruhe, Heidelberg und der Hauptstadt Stuttgart, ist von den Amerikanern besetzt. Die beiden unteren Hälften zweier alter Länder, die neuerstandenen Staaten Südbaden und Württemberg-Hohenzollern, sind ... „Zone d’Occupation“ der Franzosen. Setzt sich der Pariser Vorschlag durch, so würde Nordbaden, also das Gebiet um Karlsruhe, mit Südbaden vereint werden; es würde das historisch, echte Land Baden, wiederhergestellt sein. Das ist genau das, was Wohleb seit langem wünscht. Aber – und hier setzt das allgemeine südwestdeutsche Mißtrauen ein – es käme vielleicht ein einheitlich französisch besetztes Land an Frankreichs Ostgrenze zustande. Will Wohleb auch dies? Und tarnt er sich bloß, wenn er heute erklärt, er sei überrascht von den Pariser Vorschlagen, ja er sei überzeugt, daß die nördlichen Badener zwar, mit den südlichen Badenern wieder vereint, jedoch keinesfalls – anstatt amerikanisch besetzt – französisch besetzt sein möchten?