Eine Lion-Feuchtwanger-Uraufführung

Lion Feuchtwanger, vornehmlich Dialektiker, bekennt sich zu Vernunft und Fortschritt und versucht, diesem Bekenntnis künstlerisch zwingenden Ausdruck zu geben. Dichterisch und sprachlich jedoch nicht von der eindeutigen Prägnanz und Sprengkraft Bert Brechts, nimmt er sich bei der Gestaltung seiner Vernunftexempel die Psychologie und die Historie zu Hilfe. Aber es ist immer schwer, am historischen Vorgang einen sogenannten fortschrittlichen Gedanken aktuell zu entwickeln; entweder leidet der Gedanke oder die Historie dabei. So will uns auch scheinen, daß in dem jetzt im Kleinen Theater im Zoo in Frankfurt/Main uraufgeführten Schauspiel „Wahn“ oder „Der Teufel in Boston“ der historische Vorwurf zugunsten des fortschrittlichen Exempels schematisiert wurde.

Die Fabel, die Feuchtwanger benutzt, erzählt von dem Prediger und Historiker Cotton Mather in Boston, einem Puritaner, der durch ein hysterisches Mädchen, das Hexen und Teufel in Krampfzuständen zu sehen vorgibt, in einen religiösen Wahn gesteigert wird. Dieser Wahn Mathers steckt die Massen an – eine grausame und gnadenlose Kette von Hexenverfolgungen und -verbrennungen setzt ein. Doktor Thomas Colman, Mathers Schwager, der Besonnene, Vernunftgläubige ist der Gegenspieler. Am Ende des Stückes, als das Mädchen – als hysterische, geltungsbedürftige Lügnerin entlarvt – sich erhängt, manifestiert sich in seiner Gestalt der Sieg des unbestechlichen, fortschrittlichen Menschenverstandes. Häufige Wiederholungen und Längen verdehnen den Gang der Handlung und dem Stück fehlt trotz scharfer Dialektik, ein echter dramatischer Vorgang: das Ganze erscheint eher erdacht und intellektuell zusammengefügt als vital schöpferisch erfüllt.

Der Spielleiter sah sich vor der Aufgabe, sich entweder für den dialektischen (Bert Brecht-)Stil oder aber für das psychologische Theater zu entscheiden. Fred Schröer als Gast vom Neuen Theater Stuttgart, entschloß sich zur zweiten Form. Damit nahm er dem Stück die rationale Kälte und Schärfe und verlegte die Auseinandersetzung mehr ins Seelische. Er trieb die psychologische Differenzierung bis ins Pathologische vor und erreichte intensive gestalterische Wirkungen. Die Atmosphäre der Bühne war, verstärkt durch das düstere Bühnenbild Lothar Baumgartens, geradezu von Hysterie und Wahn geschwängert. Hans Mahnke als Dr. Colman hatte es in dieser Luft schwer, mit Noblesse die Kraft der Vernunft zu dokumentieren. Eine eindringliche Leistung bot vor allem Edith Teichmann als hysterische Hanna Parish. Die Uraufführung in Frankfurt gehörte zu den „interessantesten“ Theaterabenden. Die von Feuchtwanger erhoffte aufklärerische und erzieherische Wirkung wird das Stück wohl kaum haben: dafür ist es zu intellektuell. Nur das unmittelbar Schöpferische wirkt tief und verwandelt. Heinz Friedrich