In Räumlichkeiten der britischen Militärregierung in Kiel und unter Vorsitz des britischen Militärgouverneurs Asbury beginnt am 28. März eine mehrtägige Aussprache zwischen Repräsentanten der dänischen Minderheit in Südschleswig und Vertretern der schleswig-holsteinischen Landesregierung. Der Konferenz liegt ein Memorandum zugrunde, das von der dänischen Minderheit im Verein mit dem dänischen Außenministerium in Kopenhagen ausgearbeitet wurde. In ihm sind die Wünsche nach Sicherung der nationalen, bürgerlichen, politischen und kulturellen Rechte des südschleswigschen Dänentums präzisiert. Das dänische Dokument ist nicht sehr umfangreich. Über die meisten Punkte müßte sich eine Einigung erzielen lassen. Allerdings wird es seine praktischen Schwierigkeiten haben, dem im Anfang des Memorandums zum Ausdruck gebrachten Wunsche einer „Verankerung der dänischen Minderheitenrechte in der schleswig-holsteinischen Verfassung“ Rechnung zu tragen, da zwar eine solche Verfassung seit 1946 beraten, aber bisher nicht beschlossen worden ist. Die verfassungsmäßige Sicherung von Minderheitenrechten, wie sie das südschleswigsche Dänentum für sich beansprucht, ist also eine Frage, zu der die kommende westdeutsche Bundesregierung und ihr Bundestag Stellung nehmen müssen. Über den Rahmen Schleswig-Holsteins geht sie hinaus.

Was die praktische Seite der Sache betrifft, so könnte es in dem Memorandum vielleicht Detailfragen geben, die auf den ersten Blick fragwürdig anmuten und einer näheren Erläuterung bedürfen. So wird sich angesichts des Umstandes, daß den dänisch gesinnten Südschleswigern die Herausgabe einer deutschsprachigen Tageszeitung zugestanden worden ist, weil ein großer Teil von ihnen die dänische Sprache nicht beherrscht, im Zuge der Aussprache in Kiel die Frage ergeben, was mit dem Punkte gemeint ist, der die Berechtigung der dänischen neben der deutschen Sprache im amtlichen Verkehr in Südschleswig fordert. 1920 hat man zwar in Nordschleswig, nachdem dieses Dänemark zugeschlagen worden war, einen solchen Übergang für zweckdienlich gehalten. Aber da waren die Voraussetzungen auch ganz anders.

Abgesehen von solchen Details darf erwartet werden, daß die deutsch-dänische Aussprache in Kiel, für die von der dänischen Regierung ein Beobachter benannt worden ist, befriedigend verkaufen wird. Es besteht in Schleswig-Holstein einerlei Interesse an einem aktiven Grenzstreit. Ziel mehr bemüht sich die Landesregierung, die hindernisse für das Zustandekommen eines aufrichtigen freundschaftlichen Verhältnisses zu Dänemark aus dem Wege zu räumen. Die gesunde Vernunft gebietet diese Haltung. Bisher waren. Dänemark und Norwegen, militärisch gesehen, Zeughäuser. Nachdem sie sich für den Atlantikpakt entschlossen haben, schicken sie sich an, sich in Zitadellen zu Verwandeln. Angesichts dieser Entwicklung kann Schleswig-Holstein kein Gartenweg mehr bleiben. Es ist bis hinunter nach Lübeck in das strategische Schicksal des Nordens einbezogen. Der Geographie läßt sich nicht ausweichen. Und gerade sie schreibt im Banne der weltpolitischen Spannung vor, daß man sich nicht unnötig irritiert, wenn man sozusagen im gleichen Boot sitzt. Die Existenz ist bedroht, und da bleibt kein Platz für Nationalismen im engen Sinne des 19. Jahrhunderts. Abrüstung der Gefühle und historischen Reminiszenzen ist erforderlich. Aber es genügt nicht, daß nur der eine Teil Opfer bringt. Es müssen schon beide Teile sein.

In Kopenhagen sollte man überlegen, ob nicht das eine oder andere an den Deutschen in Nordschleswig gutgemacht werden könnte. Die Maßnahmen der Jahre 1945/46, die den Deutschen in Dänemark ein nationalpolitisches Ende bereiten Sollten, haben nicht das erwünschte Ergebnis gehabt, sondern eher das Gegenteil bewirkt. In Nordschleswig sind den Deutschen 80 Kommunal- und Privatschulen fortgenommen worden, in Südschleswig wurden den Dänen etwa 60 Schulen errichtet. In Nordschleswig wurden den „Deutschen nachträglich vom dänischen Staat Clearing-Forderungen von 4 Millionen Kronen gestellt und in deutschen Werten verpfändet, weil diese der Subvention der deutschen kulturellen Arbeit während dreier Jahre entsprechen de-Summe seit 1943 nicht mehr im üblichen Transferwege, sondern über das deutsche Besatzungskonto in Dänemark ausgezahlt worden war. Den Deutschen wird dabei der Vorwurf gemacht, daß sie sich um die Herkunft der Gelder hätten kümmern müssen. Für die Dänen in Südschleswig beträgt heute, die jährliche Subventionssumme aus Dänemark ein Vielfaches, nämlich etwa 18 Millionen, wobei keine deutsche Instanz weiß, wie dieser Geldstrom, zur D-Mark wird. In Südschleswig gibt es ein reges kirchliches Leben, in Nordschleswig verkümmert es. Es gibt viele Beispiele dieser Art.

Gegenseitigkeit soll keine Förderung sein, sondern ein guter Rat. Wenn die Aussprache in Kiel ein Schritt zum Ausgleich auf beiden Seiten werden könnte, so wäre sicherlich der deutschdänischen Verständigung im großen ein guter Dienst erwiesen. Wenn große Konflikte drohen, muß der kleine Streit endlich zur Ruhe kommen – zumal, da man vom gleichen Schicksalsgriff umklammert ist. Gustav Meissner