Ein Brief Cocteaus an die Bürger der USA

Jean Cocteau gehört zu den drei oder vier „schrecklich intelligenten“ Franzosen, für die man in den Vereinigten Staaten eine ans Bewunderung und Nachsicht gemischte Sympathie empfindet. Fast drei Wochen weilte er jetzt anläßlich der Erstaufführung des „Doppeladlers“ in New York. Im Flugzeug, auf dem Rückflug nach Frankreich schrieb er seine Eindrücke über Amerika nieder. Es wurde ein langer, freimütiger und offenherziger Brief an die Amerikaner daraus, „ein Schrei der Liebe und der Furcht“, ein Appell an die Tugenden des amerikanischen Publikums, des „besten Publikums der Welt“, das von den Produzenten „seit langem getäuscht und verachtet wird“, eine Mahnung an die Bürger Amerikas, achtsam zu sein auf ihre Freiheit, ihr Gewissen zu befragen und sich nicht willenlos dem tödlichen Rausch der technischen Zivilisation zu überlassen.

„Einer der letzten freien Menschen spricht zu Euch, Amerikaner“, schreibt Cocteau. „Ich vertrete keine Bewegung, keine Schule, keine Kirche und keine Partei. Die Tribüne, von der ich zu Euch spreche, ist hier oben hoch über den Wolken. Um mich sind nur die kalten Lichter der Sterne und einige schlafende Menschen, die irgendwo unten auf der Erde einen Platz haben, auf den sie hingehören und eine Anschauung, die sie vertreten müssen. Ich habe weder einen festen Platz noch eine vorgefaßte Meinung. Ich wende mich an alle, die verzweifelt um ihre Freiheit kämpfen, die ständig auf den nächsten Backenstreich gefaßt sein müssen und die, wenn man ihnen schmeichelt, sich fragen, welchem Irrtum sie das zu verdanken haben.“

Die Amerikaner, meint Cocteau, haben eine merkwürdige Neigung zu klassifizieren, zu etikettieren. Alles Neue ist nur einen Augenblick neu. New York ist traditionsfeindlich, es wünscht nur die Tradition des Augenblicks. New York: seltsame Stadt, die nie ausrollen, die sich vergessen und erschöpfen will, um dem Schlaf, den Träumen und der Zwiesprache mit sich selbst zu entgehen. „New York haßt das Geheimnis. Aber es beugt sich über das Geheimnis der anderen. Es hat so wenig einen Namen für das Geheimnisvolle wie für den Dämon der Langeweile, den es mit Optimismus austreiben möchte.

Wie soll man den jungen Amerikanern, die so eifrig ihre Kolleghefte vollschreiben, wie soll man dieser Jugend klarmachen“, fragt Cocteau, „daß nicht alles kühn ist, was gewagt erscheint? Eine Szene im Museum für moderne Kunst wird mir unvergeßlich bleiben: Fünfzig kleine Mädchen aus einem Kindergarten saßen dort an ihren Tischchen, die mit Pinseln, Tintenfässern, Farbtuben und Wassertöpfen bedeckt waren. Sie malten, indem sie ihre Zunge vorstreckten und mit leeren Blicken umhergafften, wie possierliche Tiere, die man ebensogut dazu anleiten könnte, eine Klingel in Bewegung zu setzen. Kinder-, mädchen standen bereit, um die jungen Schule-, rinnen der abstrakten Kunst zu überwachen und ihnen einen Klaps zu geben, wenn ihre Malversuche unglücklicherweise zu realistisch ausfielen.. Seltsames Schauspiel: Neben den Meisterwerken des Zöllners Rousseau, neben Matisse, Picasso, Braque, Bonnard und Vuillard trocknet man die Windeln unserer Jugend“

Cocteau wirft den Amerikanern mangelnden Respekt vor dem ernsthaften, tiefen und menschlichen Sinn der Kunst vor. Hollywood sei für die Industrialisierung der Kunst verantwortlich. Eine blutarme Aristokratie von Arrangeuren und Kunsttechnikern versuche ständig, die großen Werke der Kunst auf das Niveau eines Publikums herabzuziehen, das es in Wirklichkeit überhaupt nicht gibt.

„Amerika wird von der Minorität der Denkenden gerettet werden ... Eine kleine Anstrengung noch und Eure Komplexe, Eure puritanische Zurückhaltung, Eure Furcht vor dem Wagnis werden dahinschwinden, Euer Geist wird Knospen treiben, wuchern und überschäumen wie der herrliche Liebesfrühling Eures Südens – ohne daß Ihr Eure Zensoren um ihre Meinung zu fragen braucht.“