Das Kind umklammerte mit beiden Händen das Treppengeländer. Es hatte einen Schlafanzug an, seine Füße waren nackt. Mit dünner Stimme rief es den dunklen Treppengang herunter: „Fräulein, Fräulein ...“

Unten quietschte eine Tür. Das Kind wußte sofort, daß es die Küchentür war, denn es kannte alle Geräusche in diesem Hause, die es gab (es kannte noch viele dazu, von denen die Erwachsenen sagten, daß es sie nicht gebe, und die schienen dem Kind gerade am gefährlichsten). Eine Stimme rief von unten: „Was willst du?“ – „Ach, Fräulein“, antwortete das Kind, „ich, ich...“

„Du hast Angst“, stellte die Stimme fest. „Neun Jahre bist du alt und hast immer noch Angst.“

„Ja“, sagte das Kind.

„Geh sofort wieder ins Bett“, befahl das Fräulein. „Gleich ist es zwölf, du mußt um acht zur Schule. Hast du vielleicht deine Schularbeiten nicht gemacht?“ – „Ach, Fräulein“, erwiderte das Kind. „Nun also“, sagte die Stimme aus dem dunklen Untergeschoß versöhnlicher, „so geh ins Bett, es passiert ja nichts. Oder willst du, daß ich’s den Eltern erzähle, wenn sie aus dem Theater kommen?“

Das Kind trippelte über den Flur in sein Zimmer zurück. Nur eine Nachttischlampe brannte in dem kleinen Raum, das große Licht hatte das Fräulein auf Geheiß der Mutter ausdrehen müssen. Dieses schwache Licht warf Schatten auf die Zimmerwände. Während das Kind in sein Bett kroch, starrte es angstvoll auf den großen Schatten an der Wand gegenüber – es wußte, sobald das Licht ausgeknipst wurde, bekam der Schatten Beine, zwei große klobige Beine, mit denen er auf das Bett zuschritt. – „Was willst du von mir?“ fragte das Kind, aber er antwortete nichts. Er kam nur immer näher und dann legte er sich auf das Bett. Das Kind verbarg sich vor ihm unter den Decken, aber das half nicht viel. Er drang durch die dicke Steppdecke, durch das Leinen der Tücher, die Luft wurde stickig von ihm. Und das Kind wartete schwer atmend. Aber der Schatten lag nun auf ihm, groß, breit, drohend und tat – nichts.

Dann gab es an der Decke noch einen zweiten Schatten: er starrte unbeweglich auf das Kind herab, und auch wenn man das Licht ausmachte, blieb er starr auf seinem Platze. Dennoch ängstete sich das Kind vor ihm noch mehr als vor dem ersten.. Eines Tages – so glaubte es – würde auch er kommen und das würde schrecklich sein. Kein leises Zählen, kein Liedersingen, nichts würde gegen ihn helfen. Und dieses Warten auf ihn, dieses Warten, das so furchtbar war, so daß man manchmal fast wünschte, er möge nun doch endlich kommen.