Der Chronist muß zu den Tagen des Tizian zurückgeben, um ein schöpferisches es Genie zu finden, daß mit 93 Jahren noch imstande ist, seiner Zeit ein paar wesentliche Einsichten auf ihren holprigen Weg zu geben. G. B. Shaw hat soeben ein neues Buch erscheinen lassen, welches er „Selbstporträts“ nennt. Darin stellt er höchst lehrreiche Betrachtungen über das Phänomen Bernard Shaw an, die uns teilweise aus früheren Veröffentlichungen bekannt gewesen sind, aber alle nach seinem 90. Geburtstag überprüft und ergänzt wurden.

Es ist ganz erstaunlich, was Shaw uns in seinen autobiographischen Bemerkungen an weltlicher Einsicht neu beschert. Mit 93 Jahren beginnt der Weise von Ayot St. Lawrence von sich und seiner Jugend zu reden. In seiner „Entschuldigung für dieses Buch“ antwortet er auf die „lebenslängliche Frage“, warum er niemals eine Autobiographie verfaßt habe, daß er „sich durchaus nicht Biographisch interessant finde. Ich habe niemals einen Menschen getötet, noch ist mir jemals etwas Ungewöhnliches passiert.“ Er meint, er habe das Leben von Hinz und Kunz geführt, aber niemals irgendwelche heroischen Abenteuer erlebt. „Die Dinge sind nicht mir passiert; im Gegenteil, ich bin es, der ihnen passiert ist, in der Form von Büchern und Theaterstücken.“ Und schon folgt ein echter Shaw’scher Imperativ: „Das Recht seine eigene Geschichte zu erzählen schließt nicht das Recht ein, die eines anderen mitzuerzählen... weil man doch nur auf dessen Widerspruch und Protest stoßen würde.“ Es ist tatsächlich nicht mangelndes Interesse, das ihn bisher verhindert hatte, sein Leben zu erzählen. Es ist ihm immer ich wer gefallen, sein Ego völlig aus seinem Werk fernzuhalten. Andererseits hat Shaw stets alles getan, um seinen Biographen das Leben leicht zu machen, weil er eben „Bernard Shaw für seine beste Erfindung hält. Deshalb wird auch sein Essay „Wie Frank Harris meine Biographie hätte schreiben sollen“ zu einer intellektuellen „laut de Force“, wie man sie im existentiellen Europa nicht mehr für möglich gehalten hatte. Man lernt daraus, daß der Dichter niemals in introverter Weise am täglichen Ablauf seines Lebens interessiert gewesen ist, wie etwa Goethe oder Samuel Pepys, sondern ausschließlich am Wachstum seines Werkes. Deswegen nennt Shaw auch sein Leben das eines „downstarts“. eines Parvenüs nach „unten“, bedingt durch standesgemäßes Absinken seiner bürgerlichen Familie. Nur der sieghafte Widerstand, den er dieser Tendenz entgegengesetzt habe, konnte ihn zu einem „Revolutionär der Gleichberechtigung“ machen, als der er seine Werke verfaßt habe. Rückblickend stellt er immer wieder fest, daß er selbst die beste seiner vielen Fiktionen gewesen sei. Erst dann folgen Shakespeare und Stalin, wie er mit entwaffnender Ironie feststellt. Für diese Dreifaltigkeit hat er wenig Kritik übrig.

Herrlich ist Shaw in seinen „Korrekturen meiner Biographen“, in denen er der Nachwelt soviel authentisches Material liefert, daßsalle bisher geschriebenen Biographien eingestampft werden können. Noch einmal wiederholt er seine, eigene Grabschrift:

Hier liegt

Bernard Shaw

Wer zum Teufel war das?

Wie wenig aber vermag uns Shaw auch jetzt über seine Gefühle zu sagen: Hier liegt die ganze große Schwäche des Dichters, in allen Werken wiederkehrend, nicht an „Gefühlen“ interessiert zu sein, solange sie sich nicht in „Ideen“ abwandeln lassen. Wo die Begrenzungen seines dramatischen Genies liegen, zeigt der Essay „Über geschlechtliche Dinge in Biographien“. Hier wäre der Untertitel angebracht: „Shaw, der unbewußte Heuchler“. Wenn Shaw den Fall St. Paul’s „pathologisch“ nennt und sich selbst auf der gleichen Seite brüstet, bis zu seinem 29. Lebensjahr keine sexuelle Erfahrung gehabt zu haben, sondern nur im Tempel einer „geistigen Venus“ geopfert zu haben, so beweist eine solche Konfession gerade, was er behauptet, wenn er meint, daß er selbst von der „Neurose des Sündenfalls“ freigeblieben sei. Anschließend hat Shaw dann wieder viel Wahres über moderne Ehen zu sagen, besonders über solche, die weder „Romanzen noch Pornographien“ gewesen sind.

Der alte Shaw täuscht sich auch nicht darüber, daß es endgültig Winter um ihn geworden ist. Auf der allerletzten Seite, die er erst kürzlich geschrieben hat, beginnt er sogar daran zu zweifeln, ob er überhaupt „lesbar“ gewesen sei. „In meinem Alter kann man nicht sicher sein, ob das, was ich gesagt und geschrieben habe, nicht doch nur seniles Gefasel eines geschwätzigen Greises gewesen ist.“ Allein noch immer fühlt er sich stark genug zu neuen Angriffen. Alex Natan