Kravchenko erhält das Wort. Ehe der Dolmetscher die ersten Sätze überträgt, hat man schon verstanden, daß das, was der Kläger tobend und fauchend vorbringt, für Russen unter sich und nicht für das Auditorium bestimmt ist. Doch der General hält nicht dicht. Er beschwert sich bei dem Präsidenten, Kravchenko bewerfe ihn mit Unflat.

Die Verteidigung kann dies nicht dulden. Die Angeklagten sind, sobald von Russischem die Rede ist, empfindlich wie die Mimosen, diese antennenfeinsten aller Pflanzen, dabei ist es der Kläger, der weit mehr Grund hätte, sich derart reizbar zu zeigen. Hat man ihm nicht öffentlich in den Lettres Françaises alle Laster der Welt zugeschrieben? Obwohl wir uns vom Christentum mitmachtet wissen, glauben wir dennoch zu durchschauen, daß es nicht ein Bangen um das Seelenheil des im Fleisch so sündigen Kravchenko ist, dem wir das Schauspiel zu verdanken haben, dat uns die Angeklagten geben, während der Kläger spricht. Wie vom Schmerz verzehrt krümmen Wurmser und Morgan sich auf ihrer Bank. Soviel Häßliches, soviel Verdrängtes, ja ganz Vergessenes müssen sie aus dem verruchten Munde des Ukrainers hören! Auf den Vorwurf Rudenkos, Goebbels habe sich 1944 an des feigen Deserteurs Absprung fett gemacht, erwidert dieser, Stalin habe den Hitler noch viel fetter gemacht mit den Materiallieferungen von 1939 bis 1941. Und die Zahlen und Namen der geschickten Waren fliegen ihm nur so von den zorngeschwellten Lippen; auf diese Stunde habe er gewartet, schreit er, nur dank Stalin sei Europa von Hitler besiegt und in Ketten gelegt worden, endlich könne er dies dem General ins Gesicht schleudern.

Rudenko ließ ihn schleudern, er lächelte nur, mit einer Selbstbeherrschung, die den geifernden Kravchenko zum Derwisch machte, was nicht schön anzusehen war.

Am Schluß ruft Kravchenko, damals zur Zeit der Buhlschaft des Kremls mit dem Braunen Haus, hätten die Franzosen nichts von der heißen Liebe Rußlands für sie spüren können, die Rudenko jetzt hier vor dem französischen Gericht mit den Tränen eines Krokodils beschwöre. Die Anwälte der Verteidigung beben vor Empörung, und jeden Augenblick sind wir gewärtig, daß ihre Schützlinge Morgan und Wurmser im Übermaß ihres Entsetzens über Kravchenkos Frevel ihre Kleider zerreißen und sich Asche aufs Haupt streuen werden. Im Auditorium. keifen und pfeifen die Parteien, zweistimmig und ganz ohne Harmonie. Es ist die Feuerprobe für das Trommelfell des Präsidenten Dürkheim.

Als dieser die Ruhe wiederhergestellt hat, fragt der General, ob man ihn noch länger als Zeuge brauche.

Der Präsident läßt ihm die Wahl zu bleiben oder zu gehen. Rudenko entscheidet sich zunächst für das erste. Doch als Izard Kravchenko auffordert, mit seiner Rede fortzufahren, droht im Saal, besonders in der schwitzenden Abteilung, wo die Gemüter begreiflicherweise am höchsten erhitzt sind, eine Schlacht auszubrechen. Die Dolmetscher lassen entmutigt die Arme sinken, und der General verläßt, während die letzten Beschimpfungen Kravchenkos auf seinen Rücken klatschen, das vom Bürgerkrieg bedrohte Auditorium. Mit großem Gefolge, denn alle Sowjetzeugen, nun endgültig von den Vorzügen der Diktatur überzeugt, nehmen sich ein Beispiel an ihm, darunter Madame Gorlowa, die sich, allen Vorteilen gegen unsere Dekadenz zum Trotz, einem unserer nationalen Haarkräusler anvertraut haben muß, prunkt doch ein wahres Kunstwerk von Frisur auf ihrem Kopf, das man noch nicht an ihr gesehen hat.

Es ist nicht zu leugnen, daß der General gefallen hat. Enttäuscht haben nur seine Aussagen.